Energieversorgung

Baden-Württembergs Landesregierung ist skeptisch gegenüber der "tiefen Geothermie"

Theo Westermann

Von Theo Westermann

Di, 24. Mai 2022 um 10:10 Uhr

Südwest

Der Ausbau der "tiefen Geothermie" steht noch ganz am Anfang: Die Landesregierung sieht zwar Potential, allerdings vor allem in der Theorie. In der Praxis gibt es einige Schwierigkeiten.

Die Landesregierung sieht zwar "hohe theoretische" Potenziale in der "tiefen Geothermie" vor allem entlang des Oberrheins und in Oberschwaben, verweist aber auf zahlreiche Schwierigkeiten. Der Ausbau steht noch ganz am Anfang. Damit spielt "tiefe Geothermie" mit ihren mehrere tausend Meter reichenden Bohrungen eine geringe Rolle zur Wärme- und Strombereitstellung.

Die Wärmebereitstellung lag zwischen 2016 und 2019 bei 105 Gigawattstunden (GWh) und stieg 2020 auf 107 GWh, Strom lag unter einer GWh jährlich. Dies ist einer Antwort des Umweltministeriums an die FDP-Landtagsfraktion zu entnehmen, sie liegt unserer Redaktion vor.

In vielen Orten regt sich Widerstand

In den vergangenen fünf Jahren ist demnach zu der seit 2009 bestehenden Geothermieanlage in Bruchsal (Kreis Karlsruhe) nur eine Anlage zur Energieversorgung in Pfullendorf (Kreis Sigmaringen) hinzugekommen. An rund einem Dutzend Standorten entlang des Oberrheins sind Projekte in Planung, in der Regel aber in einem frühen Stadium. In vielen Orten regt sich Widerstand.

Deutliches Wachstum gibt es bei der oberflächennahen Geothermie, also der Nutzung von Luft und Grundwasser zur Gewinnung thermischer Energie durch Wärmepumpen mit einem Anstieg von 1230 GWh (2016) auf 1790 GWh (2020). Von 2017 bis 2021 gab es im Südwesten 9422 Bohrungen für Erdwärmesonden und 204 für Grundwasserwärmepumpen.

Risiko, dass eine Bohrung nicht "fündig" ist

Das Ausbaupotenzial der "tiefen Geothermie" sei dagegen stark von Rahmenbedingungen abhängig, vor allem von der Wirtschaftlichkeit, führt die Landesregierung aus. Es bestehe immer ein Risiko, dass eine Bohrung nicht "fündig" ist und das Projekt eventuell abgebrochen werden müsse. Zudem seien aufwendige Voruntersuchungen erforderlich. Das Land räumt auch erhebliche Widerstände ("ein Projektrisiko") bei der Bevölkerung ein. Diese sorge sich um Lärm, Erdbeben, Bauschäden, Schadstoffbelastung im Trinkwasser und dem Wertverlust von Immobilien. Regional bestünden "deutlich unterschiedliche Bedürfnisse und Bedenken in der Bevölkerung", so ein Fazit des Landesforschungszentrums Geothermie. Das Land verweist hier auch auf seine "Roadmap" zur Unterstützung und Förderung der Geothermie.

Die FDP zeigt sich nach der Antwort ernüchtert: "Wir brauchen einen effizienten und viel schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien", betont der Abgeordnete Daniel Karrais gegenüber der Badischen Zeitung. Seit Jahren spreche die Landesregierung über das Potenzial der tiefen Geothermie, doch diese Erkenntnis passe nicht zur Politik, "die sich vor allem mit neuen Windkraftanlagen abmüht". Die Roadmap sei zu vage. Anders als bei der Windkraft habe man im Oberrheingraben geographisch einen großen Standortvorteil. "Geothermiekraftwerke sind grundlastfähig und können kontinuierlich Strom oder Wärme liefern", so Karrais.

Lithium-Messwerte aus dem Oberrheingraben schwanken

Im Oberrheingraben wird derzeit auch die Gewinnung von Lithium aus Geothermalwässern, die in Tiefengeothermie-Kraftwerke genutzt werden, diskutiert und erprobt. Allerdings gebe es bislang keine flächendeckende Datenerhebung, räumt das Land gegenüber der FDP ein. Die bisher bekannten Lithium-Messwerte aus dem Oberrheingraben schwanken, bei sechs Bohrungen gab es erhöhte Werte. Neben einer Bohrung bei Riehen (Schweiz) gibt es noch Bohrungen nördlich Lahr, sodass eine regionale Verteilung der Lithium-Gehalte in den Tiefenwässern entlang des Oberrheingrabens nicht umfassend bekannt sei. Beim Geothermiekraftwerk in Bruchsal zeigten Messungen ebenfalls erhöhte, aber schwankende Gehalte. Auf dem Kraftwerksgelände ist eine Pilotanlage zur Lithiumgewinnung aus Geothermalwasser geplant. Eine belastbare Aussage zum Potenzial für eine großtechnische Gewinnung von Lithium könne das Land nicht abgeben.

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