Kommunikation

Bei Gesprächen über schwere Krankheiten sind Floskeln fehl am Platz

Sandra Arens

Von Sandra Arens (dpa)

Mo, 21. Oktober 2019 um 13:42 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Wenig hilfreich ist es, zu stark mitzuleiden: Wenn ein Gesprächspartner von einer schweren Erkrankung berichtet, sind Einfühlungsvermögen und Zuhören-Können gefragt.

Manche Gespräche erwischen einen eiskalt: Wenn man im Supermarkt die Nachbarin trifft und von ihrer Krebsdiagnose hört. Aber auch, wenn man schwitzend vor Stress in der Kita-Garderobe steht und eine Mutter ausgerechnet jetzt detailliert von ihren Rückenschmerzen berichtet.

Ob schwere Erkrankung oder das kleine Zipperlein – Krankheitsgeschichten sind häufig Teil alltäglicher Plauderei. Die einen geben mehr von sich preis, die anderen weniger. Und viele fragen sich: Was soll ich jetzt dazu sagen? Was erhofft sich mein Gegenüber von mir? "Wenn wir im Alltag jemanden fragen, wie es ihm geht, handelt es sich eigentlich nur um eine Höflichkeitsfloskel", sagt Christoph Sczygiel, Sozialpädagoge und Referent an der Haufe Akademie. "Wir erwarten keinen langen Krankheitsbericht, sondern auch eine Floskel als Antwort."

Millionen Menschen fragen sich jeden Tag: Wie geht’s?

Vor allem in den USA sei diese Art der Kommunikation weit verbreitet, ergänzt Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin. Ganz schön oberflächlich, könnte man meinen. "Nicht unbedingt", sagt Noack. "Sich derart positiv zu begegnen, macht das Miteinanderleben einfacher. Es entsteht eine freundliche Grundstimmung."

Auch in Deutschland fragen sich jeden Tag Millionen Menschen, wie es so geht. Ein schlichtes "gut" als Antwort sei zwar ebenfalls gebräuchlich, aber nicht ganz so standardisiert wie in den USA, sagt Karsten Noack. "Viele Menschen nutzen diese Frage tatsächlich, um sich ausführlich mitzuteilen, auch wenn es sich nur um die schlechte letzte Nacht handelt." Für Höflichkeitsfrager seien diese Situationen dann häufig überfordernd – vor allem, wenn keine enge Bindung zum Gesprächspartner besteht.

Zwischen Ehrlichkeit und Höflichkeitsfloskel

Auch Christoph Sczygiel hat beobachtet: "Die wenigsten schaffen es, sich zwischen Tür und Angel Zeit zu nehmen und wollen es vielleicht auch gar nicht." Dazu hat Karsten Noack einen klaren Standpunkt: "Wer fragt, sollte damit rechnen, eine ehrliche Antwort zu bekommen. Wer damit nicht umgehen kann, sollte gar nicht erst fragen."

Doch vielen fällt gerade das nicht leicht – häufig rutscht ein "Wie geht’s?" ganz automatisch heraus. Was tun, wenn wir dann keine Zeit haben für die Alltags-Wehwehchen unseres Gegenübers? Sich zähneknirschend durch das Gespräch kämpfen?

"Gehört die Person nicht zum engeren Bekanntenkreis und möchte vielleicht nur ihren Frust ablassen, könnte man versuchen, bei den Floskeln zu bleiben, um wieder etwas Distanz herzustellen", rät Christoph Sczygiel. Ein Satz wie "Manchmal ist das Leben anstrengend" sei wertschätzend und gleichzeitig ein Signal an den anderen, nicht noch tiefer zu gehen.

"Lebenserfahrene Menschen können sich auf ihre Intuition verlassen." Peter Walschburger
Und die Nachbarin im Flur, die immer wieder vom Zipperlein erzählt? Oder von ihrer depressiven Stimmung? Sollte man darauf eingehen? "Viele Menschen benutzen standardisierte Sätze immer wieder wie einen Trampelpfad", so Noack. Es könne leicht passieren, dass man dadurch von anderen Menschen in Schubladen gesteckt und nicht mehr ernst genommen wird – denn mit depressiver Stimmung sei häufig nur eine Melancholie gemeint, aber keine ernstzunehmende Erkrankung. Und wenn jemand hinter den immer gleichen Floskeln tatsächlich eine echte Not vermutet? "Lebenserfahrene Menschen können sich auf ihre Intuition verlassen", sagt Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. Die meisten Menschen spürten, ob eine Person tatsächlich leide und Hilfe brauche.

"Kopf hoch" und "Du schaffst das schon" – selten hilfreich

"Wer helfen möchte, kann die Person fragen, wie sie mit ihrem Problem umgeht", sagt Peter Walschburger. "Es geht darum, ein fürsorglich motiviertes, mitfühlendes und lösungsorientiertes Gespräch zu führen, das es dem Gegenüber ermöglicht, eigene Perspektiven zu entwickeln, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben."

Was aber, wenn nahe Angehörige und Freunde uns über eine Krankheit informieren? Auch dann fällt es schwer, den richtigen Ton zu treffen. Gesundheitspsychologin Sabine Günther hat dies am eigenen Leib gespürt. Während ihrer Krebserkrankung erlebte sie verschiedene Arten von Reaktionen. "Floskeln sind fehl am Platz", sagt die Bambergerin. Ein "Kopf hoch" oder "Du schaffst das schon" sei selten hilfreich. Von solchen Redewendungen rät auch Peter Walschburger in solchen Fällen ab. "Sie klingen so hohl und leer, dass sie den Betroffenen verletzen können." Ebenso unangenehm empfand Sabine Günther Sätze, die mit "Du musst jetzt" begannen. "Auf Bevormundung sollte man verzichten", sagt sie. "Auch kranke Menschen sind freie Menschen."

Mitgefühl zeigen, aber nicht zu stark mitleiden

Um diese Fehler zu vermeiden, sollten Angehörige und Freunde überlegen, wie sie stattdessen reagieren könnten. Sabine Günther: "Meine Freundin hat mir zum Beispiel häufig etwas zu essen gekocht, als ich im Krankenhaus war. Das hat mir gezeigt, wie sehr sie Anteil nimmt. Sie wusste, was in diesem Moment wirklich hilfreich war."

Wichtig sei außerdem, zwar Mitgefühl zu zeigen, aber nicht zu stark mitzuleiden. "Während meiner Erkrankung war ich viel damit beschäftigt, andere zu trösten", sagt Günther. Auch mit Ratschlägen sollte man vorsichtig sein. "Kein Erkrankter erwartet von einem Freund medizinische Tipps. Manchmal hilft es, einfach zuzuhören."
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