Tabletten statt Spritzen bei rheumatoider Arthritis

dpa

Von dpa

Mi, 16. Oktober 2019

Gesundheit & Ernährung

Seit zwei Jahren steht Patienten eine neue Behandlungsmöglichkeit zur Verfügung / Kosten sollen in einigen Jahren sinken.

Patienten mit entzündlichen Rheumaerkrankungen steht eine neue und weniger komplizierte Behandlungsmöglichkeit zur Verfügung. Seit etwa zwei Jahren können Ärzte in Deutschland zwei Mittel verordnen, die die Autoimmunreaktionen bei der rheumatoiden Arthritis auf neuartige Weise unterdrücken.

Die sogenannten Januskinase-Inhibitoren verhindern, dass bestimmte Botenstoffe (Zytokine) an der Zellmembran eine Signalkette auslösen, die im Inneren der Zelle zur Produktion neuer Entzündungsstoffe führen. Diese verursachen im Muskel- und Skelettsystem, aber auch an Herz und Lunge schwere Schäden und Schmerzen.

Es gibt bereits Biologika, gentechnisch hergestellte Eiweißstoffe, die als Medikament genauso spezifisch außerhalb der Zelle die Botenstoffe hemmen. Diese Mittel sind bereits seit 1998 in Deutschland zugelassen, sagt Hendrik Schulze-Koops, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie. Seitdem hätten die entzündlichen rheumatischen Erkrankungen ihren Schrecken verloren. Noch in den 80er Jahren seien die Patienten im Schnitt zehn Jahre früher als die Gesamtbevölkerung gestorben. Inzwischen sei ihre Lebenserwartung dem Durchschnitt angeglichen. Die Betroffenen könnten sogar Sport treiben.

Doch für viele Patienten haben die Biologika einen Nachteil: Sie müssen gespritzt werden. Die neueren Januskinase-Inhibitoren, auch JAK-Hemmer genannt, können Betroffene dagegen einfach als Tablette schlucken. Die Leiterin der Sektion für Rheumatologie und entzündliche Systemerkrankungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Ina Kötter, bewertet die Mittel als weiteren wesentlichen Fortschritt in der Rheuma-Therapie.

Ein anderer Vorteil, der sich in einigen Jahren bemerkbar machen könnte, sind die Kosten. Zurzeit schlägt eine Behandlung mit Biologika nach Angaben von Schulze-Koops mit 12 000 bis 25 000 Euro pro Jahr zu Buche. Die JAK-Hemmer sind ähnlich teuer. Allerdings laufe der Patentschutz für die Mittel in sieben oder acht Jahren aus. Dann könnten Nachahmer-Medikamente günstig hergestellt werden. Die Nebenwirkungen der Medikamente sind meist Folgen der geschwächten Abwehrkräfte. Kötter nennt vor allem Herpes-Viren, die aktiv werden könnten. Auch die Nierenwerte müssten genau beobachtet werden.

Allerdings sind die Biologika nicht das erste Mittel bei entzündlichen rheumatischen Erkrankungen. Wer mit Schmerzen zum Arzt geht, bekomme in der Regel zunächst Kortison, das das Immunsystem dämpft. "Wenn es brennt, sind Sie froh, wenn die Feuerwehr erstmal Wasser gibt", so Schulze-Koops. Dann folge meist die Gabe von Hydroxychloroquin oder Methotrexat, die in niedriger Dosierung Entzündungen zum Stillstand bringen. Eine Heilung rheumatisch entzündlicher Erkrankungen ist noch nicht möglich.

Entscheidend für den Erfolg einer Therapie sei die frühe Diagnose. Wer erkranke, habe zunächst grippeähnliche Symptome: Fieber, Nachtschweiß, Leistungsverminderung, Müdigkeitsgefühl. Ob eine Entzündung vorliege, müsse ein Rheumatologe schnell klären. Die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungserfolgs sinke pro Woche um ein Prozent. Die Zeitspanne von den ersten Symptomen bis zum ersten Besuch beim Rheumatologen liege laut einer Studie bei acht Monaten. Darum fordere die Gesellschaft für Rheumatologie eine bessere Früherkennung und Versorgungsstruktur. Es fehlten 600 niedergelassene Rheumatologen in Deutschland, so Schulze-Koops.