Wenn Leute wie Trump definieren, was männlich ist

Christiane Oelrich

Von Christiane Oelrich (dpa)

Mo, 02. Dezember 2019

Liebe & Familie

Macho, Alphatier, sorgender Vater: Das Männerbild unserer Gesellschaft wankt – und die Positionen liegen weit auseinander.

Sind Männer nicht mehr zeitgemäß? Das Männerbild hat sich stark gewandelt, und manchen verunsichert das. Viele Männer seien in der Krise, sagt Toni Tholen, der an der Universität Hildesheim zu Männlichkeit forscht. "Sie hören, sie sollen dies und das nicht sein, und fragen: was sonst?"

James Bond-Darsteller Daniel Craig stand vor einem Jahr im Zentrum einer Debatte, weil er auf einem Foto mit Baby im Tragetuch vor dem Bauch zu sehen war. Ein für seine ätzenden Kommentare bekannter britischer TV-Moderator höhnte auf Twitter: "Oh, 007 ... nicht auch noch du?" mit dem Schlagwort #emasculatedBond (entmannter Bond).

US-Psychologen sprechen in der Forschung zum Rollenbild Mann seit ein paar Jahren von "toxischer" oder "schädlicher Männlichkeit". Wenn kleine Jungen mit einem Ideal aufwachsen, das von ihnen verlange, Emotionen zu unterdrücken und dominant und aggressiv aufzutreten, sei Gewalt programmiert, so der US-Fachverband für Psychologie (APA). Manche Männer reagierten mit Gewalt, wenn sie in einer Beziehung ihre idealisierte männliche Identität bedroht sähen.

Die Vorstellung von Männern als Helden und Krieger habe zwar ausgedient, aber ein Vakuum hinterlassen, sagt Tholen. In der Lücke seien heute Leute wie die Präsidenten der USA, Russlands, der Türkei und Brasiliens präsent. "Alphatierchen wie Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro erobern die Definitionsmacht, was männlich ist. Je rechter, desto mehr traditionelle Rollenglorifizierung", so Tholen.

Verunsicherten will der kanadische Psychiater Jordan Peterson helfen. Er propagiert in seinem Bestseller "12 Rules For Life: Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt" Thesen über ein naturgegebenes Patriarchat oder Konzepte wie "Ordnung ist männlich, Chaos ist weiblich". Bei Vorträgen in aller Welt jubeln ihm Tausende – vor allem Männer – zu.

Hat sich die Rolle des Mannes in der Gesellschaft tatsächlich so stark gerändert? Unter den Erwerbstätigen mit Kindern sind 94 Prozent der Väter in Vollzeit beschäftigt, aber nur 34 Prozent der Mütter, schreibt das Statistische Bundesamt 2018. Ein Jahr früher hieß es im Gleichstellungsbericht der Bundesregierung: Frauen verbringen im Schnitt täglich 87 Minuten mehr Zeit als Männer mit Haushalt, Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt. Auch an Sonntagen leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Arbeit, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) feststellt. Es könne also nicht daran liegen, dass Männer wegen Vollzeitjobs weniger Zeit hätten.

Bei der Elternzeit ist der Anteil der Männer, die davon Gebrauch machen, zwar seit Einführung des Elterngeldes 2007 von etwa drei Prozent auf 37 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Im Vergleich dazu nehmen aber mehr als neun von zehn Müttern Elternzeit, schreibt das DIW. Zudem bleiben Frauen viel länger bei den Kleinen: Sie nahmen 2018 im Durchschnitt 14,2 Monate, Männer 3,8 Monate Elternzeit. "Väter halten sich in Sachen Elternzeit vor allem aus finanziellen Gründen zurück, zudem befürchten viele negative berufliche Konsequenzen", schreibt das DIW.

"Ich habe Sorge, dass sich Werte durchsetzen, mit denen wir ins Mittelalter zurückstürzen", sagt Männlichkeitsforscher Tholen. Er findet, es müssten viel mehr alternative Geschlechtervorstellungen entwickelt werden: "solche, die herrschafts- und gewaltfreier sind". Das Thema Geschlechterrollen gehöre schon in die Schule, fordert er.