Zahl halbiert

Reformhäuser: Die Pioniere von einst profitieren wenig vom Bio-Trend

Britta Schultejans

Von Britta Schultejans (dpa)

Mi, 11. September 2019 um 19:21 Uhr

Wirtschaft

Reformhäuser waren Vorreiter der gesunden Ernährung. Heute haben sie Mühe, sich gegenüber Drogerien und Bio-Läden zu behaupten. In den vergangenen 20 Jahren hat sich ihre Zahl in Deutschland halbiert.

Wer sich vor 20 Jahren vegan ernähren wollte, kam am Reformhaus nicht vorbei. Diejenigen, die auf glutenfreie Lebensmittel angewiesen waren oder einfach ganz besonders gesundheitsbewusst leben wollten, auch nicht. Inzwischen ist all das im Mainstream angekommen. Gesunde Ernährung und Bio-Lebensmittel sind ein ungebrochener Trend. Doch ausgerechnet die Pioniere von einst profitieren wenig davon.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Reformhäuser in Deutschland nach Angaben der Reformhaus-Genossenschaft mehr als halbiert – von 2800 auf heute rund 1200 Läden. 900 davon sind reine Reformhäuser, 300 beispielsweise Apotheken, die als Lizenznehmer gleichzeitig Reformhäuser sind und über ein entsprechendes Sortiment verfügen. Der Branchenumsatz liegt bei rund 670 Millionen Euro pro Jahr. "Das Reformhaus geriet Stück für Stück ein bisschen in Vergessenheit", sagt Genossenschafts-Vorstand Rainer Plum. "Man hat den Kunden aus den Augen verloren."

Bei der Reformhaus-Kette Vitalia, die bundesweit 86 Geschäfte betreibt, berichtet Prokurist Florian Lindner von wieder steigenden Umsätzen nach Jahren des Rückgangs: "Der neue Eigentümer hat sehr viel Geld in die Modernisierung der Geschäfte investiert."

Der Weg dorthin war allerdings steinig. "Die Reformhäuser haben sicherlich zu Beginn des Branchen-Booms verschlafen, die jüngeren Generationen mitzunehmen", sagt Lindner. "Der neue Wettbewerb mit den aufkommenden Bio-Läden wurde nicht richtig ernst genommen." Heute sei nicht mehr der Bio-Laden der große Konkurrent für die Reformhäuser – sondern es seien der klassische Lebensmittel-Einzelhandel und vor allem die Drogerien. "Die sind in dem Bereich inzwischen stark aufgestellt."

Viele Produkte gab es zuerst im Reformhaus

"Die Reformhäuser haben sehr viel Konkurrenz auf vielen Ebenen", sagt auch Fabian Ganz vom Marktforschungsunternehmen Biovista, das sich auf die Bio- und Reformwarenbranche spezialisiert hat. Im Lebensmittelbereich seien das Bio-Märkte und inzwischen auch der konventionelle Einzelhandel, im Kosmetik- und Gesundheitsbereich Drogerien und Apotheken. Und das, obwohl Reformhäuser oft Pioniere waren. "Viele der Trends, die heute Mainstream geworden sind, hat das Reformhaus mit gesetzt."

"Wenn man sich vor 10, 15 Jahren glutenfrei ernähren musste oder wollte, führte kein Weg am Reformhaus vorbei", sagt Ganz. Ebenso bei veganer Ernährung. Die Reformhäuser seien auch die ersten gewesen, die sogenannte Superfoods oder den gehypten Manuka-Honig aus Neuseeland verkauft hätten. "Die schaffen es, ihrer Zeit voraus zu sein", sagt Ganz. "Aber es gibt mittlerweile für all das viele andere Vertriebskanäle."

Er sieht ein Problem im nach wie vor etwas angestaubten Image der Reformhäuser. "Bestimmt geht es auch um die modernere Aufmachung", sagt der Marktforscher. "Generell ist das Reformhaus eher eine tradierte Einkaufsstätte, die es nicht geschafft hat, eine jüngere Kundschaft anzuziehen. Es bleibt eher das Image, dass man das Reformhaus bei einer Krankheit aufsucht und erst einen gewissen Leidensdruck haben muss, um in ein Reformhaus zu gehen."

Das wollen die Reformhäuser ändern. Um gegen die Konkurrenz zu bestehen, haben sich mehrere Reformhaus-Betreiber in Deutschland inzwischen zur Reform Alliance zusammengeschlossen. Genossenschafts-Vorstand Plum spricht von einem "Repositionierungsprozess".

Seither wird gemeinsam für die Stärken des Reformhauses geworben – nach Einschätzung Lindners und Plums ist das vor allem die Beratungskompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Da wird kräftig dran gearbeitet", bestätigt Marktforscher Ganz. "Allerdings entsteht eine Zusammenarbeit von Wettbewerbern ja auch immer erst dann, wenn der Leidensdruck entsprechend groß ist." Plum sagt: "Die Kampagne ’Reformhaus – natürlich besser für mich’ dient dazu, uns wieder auf das Radar der Kunden zu bringen."