1. Frauen-Fußball-Bundesliga

Sascha Glass: "Der SC Sand ist ein gutes Sprungbrett"

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Do, 12. September 2019 um 20:00 Uhr

Frauenfussball

Frauen-Bundesligatrainer Sascha Glass spricht im Interview mit Jakob Schönhagen über die Besonderheiten des SC Sand und das kommenden Derby.

Nach Länderspiel- und Pokalpause tritt der Erstligist SC Sand am Sonntag (14 Uhr) beim SC Freiburg an.

BZ: Eine 0:1-Niederlage gegen Meisterschaftsfavorit VfL Wolfsburg, ein 3:0-Erfolg über die SGS Essen und der 2:0-Sieg über den FC Ingolstadt im Pokal: Hätten Sie das vor Saisonbeginn unterschrieben?
Glass: Auf alle Fälle. Die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, hat mir gut gefallen. Obwohl es zuletzt im Pokal nicht so prickelnd war. Aber was Stabilität und Effektivität angeht, sind wir zufrieden.

BZ:
Als langjähriger Chefscout beim 1. FFC Frankfurt und beim VfL Wolfsburg lieben Sie das Zahlenspiel: Welche Statistik der aktuellen Spielzeit liest sich momentan am besten?
Glass: Dass wir bisher kein Tor aus dem Spiel gefangen haben. Selbst Wolfsburg hat uns nur durch einen Elfmeter überwunden. Wir sind effektiv. Gegen Essen haben wir aus fünf Chancen drei Tore gemacht.

BZ: Was macht das Team so stark?
Glass: Wie der Name schon sagt: Das Team. Das ist beachtlich, denn der Umbruch war groß. Über acht Stammspielerinnen haben uns verlassen. Da war es nicht leicht, den Kader zusammenzusetzen und wir sind stolz, dass uns das offensichtlich gut gelungen ist. Wir haben den Kader nicht nur nach sportlichen, sondern auch nach charakterlichen Kriterien zusammengestellt. Da muss man sich viele Informationen einholen, telefonieren mit den Spielerinnen, den Ex-Trainern, Beratern: Wir haben nach jungen Spielerinnen gesucht, die sich weiterentwickeln wollen, die bei uns die Chance sehen, den nächsten Schritt zu machen.

BZ: Wo sind die Baustellen?
Glass: Da haben wir genügend. Daran arbeiten wir täglich. Im DFB-Pokalspiel haben wir noch viele Bälle hergegeben. Es sind viele, viele Kleinigkeiten – der erste Kontakt, die Handlungsschnelligkeit, 1:1-Situationen. Wir versuchen, ständig Hinweise zu geben, wollen den Spielerinnen aber auch Möglichkeiten bieten, selbstständig an sich zu arbeiten.
BZ: Zuletzt war es leer auf dem Sportgelände rund um das Orsay-Stadion. Sechs Spielerinnen weilten bei ihrem jeweiligen Nationalteam. Teilweise mussten Sie zu zehnt trainieren. Wie überbrückt man solche Phasen?
Glass: Zehn Spielerinnen sind gar nicht so wenig. Letztes Jahr waren noch mehr Spielerinnen weg. Gruppen- und individualtaktisch ist das manchmal gar nicht so schlecht. Oft sind das die intensivsten Phasen. Wir füllen dann mit Spielerinnen aus der zweiten Mannschaft auf.

BZ: Jetzt das Derby. Nach drei Jahren in Sand kennen Sie das. Was zeichnet Freiburg aus?
Glass: Ich habe sie mir im Pokal angeschaut. Wer da alles auf der Bank saß. Die haben schon richtig viel individuelle Klasse. Das ist eine Mannschaft mit dem Anspruch, unter die ersten Fünf zukommen. Aus den letzten vier Derbys haben wir drei Unentschieden erspielt. Für uns ist das ein Erfolg. Freiburg spielt guten, offensiven Fußball. Auf dem Papier sind sie Favorit. Aber mental sind wir derzeit gut drauf.
"Hier herrscht

große Verbundenheit."

BZ: Wie knackt man den Sportclub?
Glass: Wir müssen agieren wie in den ersten beiden Saisonspielen: Kompakt und effektiv.

BZ: Sie waren lange in Wolfsburg und Frankfurt: Wo liegen die Unterschiede zum Dorfverein Sand?
Glass: In Frankfurt gab es damals auch immer wieder Probleme und man musste den Trainingsplatz wechseln. Wolfsburg spielt in einer komplett anderen Liga, infrastrukturell wie finanziell. Mit den Bayern haben die das professionellste Umfeld in Deutschland. Sand hingegen ist familiär. Hier herrscht große Verbundenheit. Erst jetzt wieder in Ingolstadt waren Fans mit eigenem Bus dabei, die ihren Urlaub opfern, um uns spielen zu sehen.

BZ: Immer mehr Spielerinnen wechseln ins Ausland. Wie lange dauert es, bis der Trend auch im Trainergeschäft ankommt?
Glass: Es gibt ja bisher auch im Männerbereich schon den einen oder anderen deutschen Trainer im Ausland. Es gibt aber auch noch Ligen, wo der Markt für deutsche Trainer noch schwieriger ist. Ich denke aber, dass es gut möglich ist, das auch im Frauenbereich demnächst deutsche Trainer ins Ausland wechseln. Immerhin ist die deutsche Liga sportlich gesehen in der Breite noch die stärkste.

BZ: Trainer Glass ist also noch nicht auf dem unmittelbaren Sprung. Was macht den SC Sand für Sie eigentlich so attraktiv?
Glass: Das Familiäre. Aber für einen Trainer ist auch wichtig, dass die Arbeit mit der Mannschaft funktioniert. Wir haben einiges angeschoben in den letzten Jahren, um professioneller arbeiten zu können, aber es wird immer schwieriger, mit den großen Clubs mitzuhalten.
BZ: Zurück zum Derby: Früher wechselten Spielerinnen aus Freiburg in großer Beständigkeit nach Sand. Heuer hat in Jana Vojtekova nur eine Spielerin gewechselt. Und das von Sand nach Freiburg. Woran liegt’s?
Glass: Sand ist immer noch ein gutes Sprungbrett für Spielerinnen, um sich weiterzuentwickeln. Aber es bieten sich mittlerweile viele andere Optionen für junge Frauen, ins Ausland zu wechseln – nach England, Italien oder Spanien. Da werden wir richtig kämpfen müssen. Es wird in Zukunft nicht einfach.
BZ: Lassen Sie uns mit helleren Prognosen enden: Wie geht das Spiel am Wochenende aus?
Glass: Wir fahren nach Freiburg, um was mitzunehmen. Drei Punkte wären überragend, mit einem wären wir zufrieden. Zur Person: Sascha Glassist A-Lizenz-Inhaber. Er war beim 1. Frankfurter FC und beim VfL Wolfsburg Jugendkoordinator, trainierte Junioren-Bundesligateams, interimsmäßig Frankfurts Erstliga-Mannschaft, wühlte als Chefscout Statistiken und coachte Reservekader in der 2. Bundesliga. Zuvor hatte der Neffe von Bruno Labbadia, der in Berlin zur Welt kam, aber in Hessen aufwuchs, als Spielertrainer seine ersten Coachingerfahrungen gesammelt.