Schluss mit Spott und Schikane

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Di, 20. August 2019

Literatur & Vorträge

Zwei Neuerscheinungen mit einem Thema: Außenseiter und wie sie sich zurechtfinden.

Anders als alle anderen zu sein, das ist besonders für Kinder nicht einfach. Es braucht viel Kraft und Mut, sich treu zu bleiben, statt Spaß mit Kameraden gibt es oft lange Durststrecken des Alleinseins. Umso glücklicher, wer trotzdem Freunde findet. Hier zwei spannende Neuerscheinungen über Originale, Sonderlinge und Spinner.

Pippa aus Rosemarie Eichingers ebenso lustigem wie ermutigendem Roman "Der Neue mit dem Aluhut" ist nicht nur überzeugte Einzelgängerin, sie sagt auch immer, was sie denkt. Weil sich aber ihre Gedanken gerne mal in Detail-Labyrinthen verheddern, braucht sie eine ganze Weile, bis sie das Wesentliche begreift, als sie Ben das erste Mal begegnet. Der liegt mit dem Gesicht im Schlamm unter einem Forsythienbusch, hat verschiedenfarbige Socken an und ein Kleeblatt in der Hand. Das Wichtigste an dieser Situation: Auf seinem Rücken steht der Klassenschläger Marlon. Und das gleich an Bens erstem Tag in der neuen Schule. Doch der lässt sich nicht unterkriegen und adoptiert Pippa mit einem "Abrakadabra – wir sind Freunde!" zur Begleiterin. Das freilich quasi gegen ihren Willen, denn neben seinem sonnigen Gemüt ist er eine echte Quasselstrippe, vor allem trägt er immer einen spitzen Aluhut gegen Strahlung und Chemtrails. Kein Wunder bei Bens Familie, die keinem traut und deswegen ständig umzieht: Die Oma hat Verfolgungswahn und ist komplett pemplem, die Mutter Kammerjägerin. Natürlich ist das ein gefundenes Fressen für alle Fieslinge und so müssen Ben und Pippa bald das erste konspirative Treffen aller Schul-Außenseiter einberufen. Denn nun soll endlich Schluss sein mit Spott, Schikanen und dem ewigen Verkriechen! Wie sich dank den sozialen Netzwerken und jeder Menge silberner Bänder und Schleifen ein Virus der Solidarität ausbreitet, ist nicht nur eine sehr originelle Kampagne, sondern auch eine turbulente Geschichte um Verschwörungstheorien und Mobbing. Ein ernstes Thema, verspielt und federleicht verpackt.

Abschiede und die erste Liebe

Mit Sprachwitz und viel Zärtlichkeit erzählt die preisgekrönte Autorin Lara Schützsack in "Sonne, Moon und Sterne" von einem Sommer voller Veränderungen. Die kommen erst schleichend, doch mit dem letzten Schultag gerät die elfjährige Gustav mitten in einen Sturm: Ihre Eltern stehen kurz vor der Trennung, der Familienurlaub wird Knall auf Fall abgesagt, die älteren Schwestern sind zu Jungs-fixierten Zicken mutiert und auch die beste Freundin ist verknallt und amüsiert sich an einem weit entfernten Strand. So ist Gustav also plötzlich allein in der Stadt: Zuhause Eiszeit, draußen Wüstenhitze. Ins Freibad mag sie nicht, weil da plötzlich zwei hässliche Erbsen unter ihrem T-Shirt wachsen und weil sie sich fremd fühlt zwischen all dem Gejohle und Produzier-Gehabe. Also zieht sie mit ihrer uralten Hündin Sand um die Häuser – und trifft den Klassenneuling Moon, der auf seinem Skateboard unterwegs ist und Pfandflaschen sammelt. Für die anderen ist er ein Freak mit langen Haaren und Glitzerleggins, für Gustav ist der Blick in seine Augen wie Knisterkaugummi und das Schweigen zwischen ihnen von Anfang an lebendig. Als sie Moon mit einem ihrer Königsrülpser vor den Spöttern im Bus rettet, sind die beiden ein Team. Leicht werden die nächsten Wochen trotzdem nicht: Sand muss eingeschläfert werden, Papa zieht aus und Moon kümmert sich verzweifelt um seine Mutter während ihrer traurigen "Stimmungen". Bis Gustav und Moon zusammen kommen, ist viel Vertrautes zu Ende gegangen und etwas Neues hat begonnen. Eine poetische und sehr lebendige Geschichte über Abschiede, die erste Liebe und das Erwachsenwerden…

Rosemarie Eichinger: Der Neue mit dem Aluhut. Jungbrunnen Verlag, Wien 2019. 144 Seiten, 15 Euro. Ab 9.
Lara Schützsack: Sonne, Moon und Sterne. Sauerländer Verlag, Frankfurt am Main, 2019. 240 Seiten, 14 Euro. Ab 12.