Aufbruch ins Ungewisse

Schulen in Südbaden sind vom Regelbetrieb noch weit entfernt

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

So, 27. September 2020 um 18:16 Uhr

Südwest

Der Sonntag Der Start ins neue Schuljahr hat an den meisten Schulen gut geklappt. Ein mulmiges Gefühl dürfte viele dennoch überkommen, denn einige Klassen sind coronabedingt schon wieder in Quarantäne.

Im Regierungsbezirk Freiburg wurden – Stand Freitag – an 21 Schulen 37 Klassen und Lerngruppen bereits wieder nach Hause geschickt. Die Liste dieser Schülergruppen wird täglich länger. Noch am Dienstag waren es 10 Schulen mit 15 Klassen, die aufgrund einer Infektion oder eines Infektionsverdachts vom Präsenzunterricht ausgeschlossen wurden.

Corona verunsichert. Auch wenn, so Elisabeth Schilli, Sprecherin des baden-württembergischen Landesschülerbeirats, bei den Schülern allgemein die Freude überwiege, die Klassenkameraden und Lehrkräfte wiederzusehen. "Die Pflicht, einen Mund-Nasen-Schutz außerhalb des Klassenzimmers zu tragen, erinnert an die Lage vor den Schultoren", so Schilli weiter. Für viele sei das besorgniserregend. Zumal Corona, wie man zwischenzeitlich weiß, nicht vor den Schultoren haltmacht.

Viele Regeln zu befolgen

Um die Infektionszahlen an den jetzt wieder vollen Schulen möglichst klein zu halten, muss die Schulgemeinschaft viele Regeln befolgen, die sich nicht nur aufs Maske-Tragen außerhalb des Klassenzimmers beschränken – etwa dass spätestens nach 45 Minuten die Klassenräume durchgelüftet oder Barren, Reck und Kasten zwischen zwei Sportstunden desinfiziert werden müssen. Ebenfalls wichtig: die Lerngruppen möglichst voneinander zu isolieren, um die Infektionswahrscheinlichkeit in den Schulhäusern so gering wie möglich zu halten. "All das erfordert einiges an Planung und Mehrarbeit", sagt Sonja Mohren, Schulleiterin der Lörracher Theodor-Heuss-Realschule.

Und das ist alles andere als einfach. Mitunter sogar unmöglich: Schon an Grundschulen, aber vor allem an weiterführenden Schulen, mischen sich Klassen und Lerngruppen durch. Etwa weil Teile von zwei oder drei Parallelklassen in Religion oder Sport zusammen unterrichtet werden. Am Technischen Gymnasium der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule in Freiburg zum Beispiel sitzen in der Oberstufe rund 300 Schüler in ständig wechselnden Kursen zusammen. Die Idee der festen Kohortenbildung, wie sie das Kultusministerium vorgibt, lässt sich dort nicht umsetzen.
Schule: Mancher hatte gehofft, dass Elternabende in Corona-Zeiten ausfallen. Doch es gibt sie: Auf dem Schulhof, in der Aula oder im Netz. Wo Elternabende analog stattfinden, sind kreative Lösungen gefragt.

Spätestens wenn die Schüler das Schulgelände verlassen, lösen sich die Kohorten ohnehin auf. Renate Storm, Schulleiterin der Freiburger Walther-Rathenau-Gewerbeschule, erzählt, wie ihre Schüler im Schulhaus brav Maske tragen. "Draußen geben viele nichts mehr auf die Hygiene-Regeln", sagt sie. "Dort stehen sie ohne Maske dicht an dicht oder schlendern im Knäuel in Richtung Bahnhof."

Auch problematisch: Dass viele Züge und Busse übervoll sind – vor allem morgens. Einfach eine S-Bahn früher nehmen? "Für einige meiner Schüler wäre das eine Möglichkeit", antwortet Matthias Auer, Schulleiter der Neunlindenschule in Ihringen. Aber natürlich mache das keiner. Dass nicht schon vor Schuljahresbeginn darüber nachgedacht wurde, das Nahverkehrsangebot zu ergänzen, verwundert. Erst jetzt haben das Land, die Landkreise sowie die Städte und Gemeinden vereinbart, mehr Schulbusse auf den Weg zu bringen.

Dafür stellt das Land zehn Millionen Euro zur Verfügung.

Für den Fall, dass der Unterricht klassenweise wieder nach Hause verlagert werden muss, bereiten sich einige Schulen schon aufs Homeschooling vor. Vielerorts wird an Fernlernkonzepten geschrieben – oder, wie im Falle der Lörracher Theodor-Heuss-Realschule, digitales Lernen bereits im Präsenz- und Online-Unterricht trainiert. Auch über die Förderung von Schülern, deren Leistungen unter Corona gelitten haben, wird derzeit viel nachgedacht. Das Kultusministerium hat bereits angekündigt, den Schulen Zeit zum Wiederholen einzuräumen, zum Beispiel indem die Inhalte der baden-württembergischen Bildungsstandards auf ein verkürztes Kerncurriculum eingedampft werden. Fest steht, extra Förder-Stunden gibt es keine.

Nach und nach trudeln die digitalen Endgeräte ein

An Mohrens Schule etwa wurden Stunden frei, weil Nachmittags-AGs entfallen. "Diese haben wir kurzerhand zu Förderstunden umfunktioniert, die man innerhalb eines Jahrgangs klassenübergreifend anbietet", so Mohren. Bevor gefördert werden kann, müssen erst die Lernstände der Kinder erhoben werden. Auch das kostet Zeit.

Wie viel, schildert Barbara Dobuszewski, Leiterin der Michael-Friedrich-Wild-Grundschule in Müllheim. "Im Gespräch, aber auch anhand von Aufgaben, schauen wir, wo die Kinder stehen, und entscheiden dann, was sie brauchen." Besonders viel Zeit nehme man sich für die Erst- und Viertklässler. Pro Kind komme man auf eine knappe Stunde extra.

Nach und nach trudeln auch die Endgeräte ein, die von Bund und Ländern finanziert wurden. Diese sollen an Schüler verliehen werden, die beim Homeschooling bislang ohne digitale Technik auskommen mussten. "150 Tablets habe ich insgesamt bestellt. Und die 55, die über das Sofortausstattungsprogramm des Landes abgerufen wurden, habe ich auch schon", sagt Dobuszewski. An der Infrastruktur allerdings hake es noch: "Unser Schulnetz würde das Fernlernen aktuell nicht stemmen können."