Sie fliegen wieder

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

So, 25. Oktober 2020

Skispringen

Die deutsche Meisterschaft der Skispringer nach acht Monaten Zwangspause.

Markus Eisenbichler hat die deutsche Meisterschaft der Skispringer auf bewässerten Kunststoffmatten in Oberstdorf gewonnen. Es war der erste echte Wettkampf nach acht Monaten Corona-Zwangspause.

Sie springen wieder! Das ist doch mal eine gute Nachricht. 33 Flugakrobaten stürzen sich bei der deutschen Meisterschaft vom Bakken der Oberstdorfer Großschanze, landen auf mit Wasser besprenkelten Kunststoffmatten – und nehmen das Ganze überaus ernst.

Normalerweise genießt sie keine hohe Bedeutung, die DM der Wintersportler auf Matten im Herbst. Schon vor gut einem Jahrzehnt wurden die nationalen Titelkämpfe aus dem immer opulenteren Winter-Programm auf Schnee eliminiert. Lieber noch ein Weltcup mehr, der sich in den engen Kalender pressen ließ, als eine DM, für die sich weder Fans noch Medien begeistern – so lautete seinerzeit das Kalkül. Es ging auf. Aber jetzt, im Corona-Jahr, liegen die Dinge auch hier anders. Seit März, als der Shutdown niedersauste, hob weltweit kein Skispringer mehr bei einem nennenswerten Wettkampf ab. Nur im polnischen Wisla flutschte die zweite Garde dieses Sports im August auf einer bewässerten Keramikspur zu Tal. Der Sommer-Grandprix, normalerweise auch schon eine stattliche Serie, begann dort und endete sogleich.

Und jetzt eine echte DM! Die führenden Luftikusse des Landes versammeln sich am Donnerstag am Schattenberg im Allgäu, und sie sind richtig heiß auf die erste Ausscheidung nach acht Monaten Zwangspause. Markus Eisenbichler, der Sieger im Einzel-Wettkampf, scheint geradezu hintrainiert zu haben auf die nationalen Titelkämpfe.

Stephan Leyhe darf ein Jahr lang nicht springen

"Das ist mir schon viel wert", sagt der 29 Jahre alte Siegsdorfer über den obersten Platz auf dem Treppchen. Eisenbichler brachte das Kunststück fertig, sich im Jahr 2019 bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im österreichischen Seefeld gleich drei Goldmedaillen zu ersegeln – aber bei bei einer vergleichsweise schmalbrüstigen DM hatte er noch nie vorn gelegen. Martin Hamann (Nickelhütte Aue) wird Zweiter, was Stefan Horngacher, den Bundestrainer aus Titisee-Neustadt, so begeistert, dass er dem 23-Jährigen – natürlich auch im Hinblick auf die aktuellen Trainingsleistungen – gleich einmal einen Startplatz im neuen Weltcup-Kader verspricht. Rang drei sichert sich Karl Geiger aus Oberstdorf. Der Deutsche Ski-Verband organisiert aus Anlass der DM eigens eine Videokonferenz, und natürlich ist auch die nahende Saison im Schatten von Corona ein Thema. Wie es sich anfühlt, so ohne Fans im Stadion, wird Geiger gefragt. "Besser ohne Zuschauer als gar nicht", antwortet er. "Wir sind froh, dass wir überhaupt Wettkämpfe haben."

Aus Schwarzwälder Sicht verläuft die Einzel-DM am Schattenberg nur zum Teil erfolgreich. David Siegel, der im Augenblick aussichtsreichste Starter aus Titisee-Neustadt, will es eigentlich unter die Top Sechs schaffen. Mehr als anderthalb Jahre nach seinem Sturz im polnischen Zakopane und der komplexen Knieverletzung zeigt Platz elf am Donnerstag aber, dass der 24 Jahre alte Skispringer vom SV Baiersbronn noch nicht wieder ganz da ist, wo er schon einmal war. Der Hinterzartener Luca Roth wird 15. Die Junioren-Wertung dominiert dafür der Nachwuchs aus dem Schwarzwald. Claudio Haas vom Skiteam Schonach-Rohrhardsberg springt in diesem Ranking zum Titel, Quirin Modricker vom SC Hinterzarten auf Rang drei.

Und dann ist da noch einer, der zwar nicht antreten kann im Allgäu, dessen Name aber trotzdem fällt in der virtuellen Pressekonferenz. Stephan Leyhe, der 28 Jahre alte Wahlschwarzwälder aus Hinterzarten, hatte sich bei einem Sturz am Ende des vergangenen Winters im norwegischen Trondheim einen Kreuzbandriss zugezogen. Leyhe war just zu dieser Zeit in Hochform, hatte gerade erst in seiner alten Heimat Willingen den ersten Weltcup seiner Karriere gewonnen, schien der kommende starke Mann im Team zu sein. Stattdessen geht erstmal gar nichts mehr an der Schanze. "In diesem Jahr springt der Stephan definitiv nicht", sagt Coach Horngacher.

Er solle – genau wie zuletzt David Siegel und Andreas Wellinger nach ihren Kreuzbandrissen – zwölf Monate lang pausieren, bis die schwere Verletzung wirklich ausgeheilt ist. Immerhin, so Horngacher, sei Leyhe auf dem richtigen Weg: "Es geht ihm sehr, sehr gut."