Queen Victoria

"Sie liebte den Sex, aber nicht die Folgen"

kna

Von kna

Do, 23. Mai 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Interview mit der Historikerin Karina Urbach zum 200. Geburtstag von Queen Victoria, der Namensgeberin eines ganzen Zeitalters.

Neben dem Brexit und einem royalen Baby steht in diesem Jahr in Großbritannien auch Queen Victoria (1819-1901) im Blickpunkt, deren 200. Geburtstag am heutigen 24. Mai mit Ausstellungen, Buchveröffentlichungen und zahlreichen Veranstaltungen begangen wird. Die Historikerin Karina Urbach ist eine Kennerin der Materie. Im Interview mit Christiane Laudage von der Katholischen Nachrichten Agentur spricht sie über Victorias deutsche Ader und verrät Details aus dem Leben der Queen.

BZ: Frau Urbach, in Deutschland gilt Queen Victoria als Inbegriff alles Britischen, in Großbritannien gilt sie als deutsch. Warum?
Urbach: Sie wuchs in einem deutschen Vakuum mitten in London auf. Sie hatte eine deutsche Mutter und eine deutsche Erzieherin, alles weit weg von der britischen Aristokratie und deren Traditionen. Natürlich wurde sie später eine große britische Patriotin, doch dachte sie immer in zwei Sprachen und kannte zwei Kulturen. Das machte sie ungewöhnlich für ihren britischen Hofstaat. Wenn sie etwas Exzentrisches tat, schob man es daher sofort auf ihre deutschen Vorfahren, während man umgekehrt in Deutschland ihr Verhalten als "typisch britisch" auslegte.

BZ: Man sprach schon zu ihren Lebzeiten von einem viktorianischen Zeitalter. Was zeichnete es aus?
Urbach: Enorme Zuversicht. Wir denken heute bei dem Wort viktorianisch vor allem an verklemmte Moralvorstellungen, Smog und Slums. All das waren natürlich Probleme der Zeit. Aber die Viktorianer selbst sahen sich als sehr fortschrittlich, sie arbeiteten unermüdlich an Weiterbildung, sozialen Reformen und neuen Erfindungen. Es war eine Zeit des Wohlstandes für eine neue Mittelschicht, die immer stärkeren politischen Einfluss gewann.

"Victoria wäre mit Sicherheit eine Befürworterin des Brexit gewesen"


BZ: Es heißt, sie habe ihr Empire wie eine Mutter und ihre Familie wie eine Königin regiert. Stimmt das?
Urbach: Ihre Familienangehörigen bereiteten ihr etwas mehr Schwierigkeiten als die Untertanen. Insofern waren ihr die Untertanen lieber. Sie glaubte, ihre eigenen Kinder wären zu privilegiert und verwöhnt. Das stimmte natürlich, aber auch die Untertanen konnten aufmüpfig werden. Es gab Unruhen in Irland und Aufstände in den Kolonien. Victoria favorisierte da klare Antworten.

BZ: Inwiefern?
Urbach: Sie war vom Militär begeistert und genoss den Kriegsrat mit Napoleon III. während des Krimkrieges. Im Burenkrieg sagte sie zu ihrem Außenminister: ‚Wir sind nicht an einer Niederlage interessiert‘. Das Empire musste an allen Ecken klar verteidigt werden, auch gegen ‚sentimentale‘ Politiker. Als ihr Premier Gladstone ‚Home Rule‘, also Selbstverwaltung, für Irland durchsetzen wollte, bekämpfte Victoria ihn mit allen Mitteln. Die Folgen sind bekannt – er scheiterte zweimal deutlich.

"Mit ihrem Diener John Brown hat sie später gerne ein paar Gläser zuviel getrunken."


BZ: Im Gegensatz zu ihrer Nachfahrin Elizabeth II. musste sich Victoria nicht mit lossagenden Kolonien und dem Brexit beschäftigen...
Urbach: Victoria wäre mit Sicherheit eine Befürworterin des Brexit gewesen, denn sie war eine Patriotin, die jeden Zentimeter ihres Empires verteidigt wissen wollte. Sie hätte die EU als Bedrohung britischer Souveränitätsrechte gesehen und natürlich als starke Konkurrenz – ein deutsch-französisches Herrschaftsmodell, in dem Großbritannien nicht die führende Rolle spielt.

BZ: Das Viktorianische Zeitalter galt als ausgesprochen prüde. War Queen Victoria ebenfalls so?
Urbach: Sie liebte den Sex, aber nicht die Folgen. Es ist erfrischend ehrlich, wie sie anfangs in ihrem Tagebuch ihren Ehemann als eine Art Lustobjekt beschreibt. In diesem Punkt unterscheidet sie sich kaum von ihren männlichen, hannoveranischen Vorfahren. Sie liebte Essen, Trinken und eben auch die anderen sinnlichen Dinge des Lebens. Mit ihrem Diener John Brown hat sie später gerne ein paar Gläser zuviel getrunken. Und es ist auch naheliegend anzunehmen, dass sie als Witwe – mit Anfang 40 – nicht einfach abstinent lebte. Sie war nun mal ein Genussmensch. Nach außen hin durfte das natürlich nicht gezeigt werden. Ihr früh verstorbener Ehemann Albert hatte hart daran gearbeitet, eine moralische Royal Family zu inszenieren, die sich von den Ausschweifungen der Vorgänger abhob. Daran musste festgehalten werden.
Karina Urbach, Jahrgang 1968, ist Historikerin und Autorin und Expertin für den britischen Adel. Ihr Buch Queen Victoria, die unbeugsame Königin ist 2018 im C.H.Beck-Verlag erschienen.