Corona-Regeln

Sie schauen hier wie das Kaninchen auf die Inzidenzschlange

Till Bannasch

Von Till Bannasch (Kenzingen)

Mo, 29. März 2021

Leserbriefe

Zu: "Neuer Lockdown erwartet", Beitrag von Bernhard Walker, Christopher Ziedler und dpa (Politik, 20. März)

Eine Teststrategie muss nicht nur vorab regeln, wer wann und wie getestet, sondern auch, wie mit den Ergebnissen umgegangen wird. Flächendeckendes präventives Testen soll helfen – so hatte ich das jedenfalls verstanden –, Infizierte früher zu entdecken, um gezielter reagieren und gerade dadurch flächendeckende Pauschalmaßnahmen vermeiden zu können. Dass die Zahlen steigen würden, wenn mehr getestet wird, war von vornherein klar.

Ist aber Zahl wirklich gleich Zahl? In den letzten Wochen war vermehrt von Infektionen in Schulen und Kitas zu lesen, weniger von Pflegeheimen und Kliniken. Jetzt werden Kinder für viele zum Infektionsfeindbild, wie man in den Online-Kommentaren nachvollziehen kann. Infektionen von Kindern gab es in der ersten und zweiten Welle sicher auch – wurden sie damals mangels Symptomen womöglich nur seltener entdeckt? Wie ist heute der Altersschnitt der Infizierten? Wie viele davon haben Symptome? Ist durch das vermehrte Testen die Dunkelziffer niedriger als in der ersten und zweiten Welle, so dass das Gesamtrisiko trotz gleicher Inzidenz geringer ist?

Wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, läuft der Zweck des Testens, präzisere Zahlen für differenziertere Maßnahmen zu nutzen, leer. Stattdessen reagieren die auf ihre medizinische Sichtweise beschränkten Beraterärzte und die hilflose Politik wieder mit Pauschalmaßnahmen, weil sie wie das Kaninchen auf die Inzidenzschlange schauen.

Das straft die ab, die sich mit ihrer Bereitschaft zum Testen erhofft hatten, es würde dazu beitragen, das Leben wieder zurückzubringen. Es straft Eltern ab, die seit langem zu Hause kämpfen und ihren Kindern mühsam beigebracht haben, dass es sinnvoll ist, Maske zu tragen, Abstand zu halten und sich testen zu lassen. Es stärkt die Irrationalen, die sich dem Testen verweigern und – siehe Vauban – so eine Schule blockieren. Und es zerstört nach dem Panikstopp von Astrazeneca ein zweites Mal binnen einer Woche Vertrauen in die Organisationsfähigkeit der Regierenden.Till Bannasch, Kenzingen