So formulieren, dass daraus Literatur wird

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Fr, 16. August 2019

Müllheim

Die 18-jährige Jana Sütterlin wird beim diesjährigen Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg prämiert.

MÜLLHEIM. Jana Sütterlin ist eine gute Beobachterin. Und die 18-Jährige kann ihre Beobachtungen so formulieren, dass daraus Literatur wird. Ihr Beitrag zum diesjährigen Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg wurde mit einem Preis bedacht.

Jana, die in diesem Jahr am Markgräfler Gymnasium Müllheim das Abitur gemacht hat, hatte unter den acht zur Auswahl stehenden Aufgaben das Thema "Fensterblicke – neugierige Shortcuts" gewählt, für das insgesamt 94 Arbeiten eingereicht wurden. Neben der Urkunde war die Teilnahme an einem viertägigen Literatur-Seminar im ehemaligen Kloster Ochsenhausen die Belohnung der Preisträgerinnen und Preisträger.

Schon 2018 hatte sie sich mit einer Kurzgeschichte bei dem renommierten Landeswettbewerb einen Trostpreis erschrieben. "Das hat mich motiviert, in diesem Jahr wieder mitzumachen", berichtete sie im Gespräch mit der BZ. Und auch ihre Deutschlehrerin Dorothea Schmidt habe sie dazu ermutigt. Schon als Grundschülerin habe sie sich gerne Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben. Auch die Lehrer wurden bald auf ihre Texte aufmerksam und lobten ihre reiche Fantasie. Für Zeitung in der Schule, kurz Zisch, das Leseförderprojekt der Badischen Zeitung, an dem sie als Viertklässlerin teilnahm, schrieb sie eine lustige Geschichte, in der die Reizwörter Pinguin, Zeitung, Computer und Himbeereis untergebracht werden mussten.

In der zehnten Klasse am Gymnasium trat sie dann in das Redaktionsteam der nach längerer Pause wieder zum Leben erweckten Schülerzeitung "PePo" ein. In ihrer Freizeit schreibe sie gerne Gedichte und innere Monologe, um Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten, verrät sie.

Dass sie das Instrument Sprache als Ausdrucksmittel souverän beherrscht, zeigen die acht faszinierenden Miniaturen, mit denen sie das Preisgericht in Stuttgart überzeugt hat. Sie hat die Aufgabe "Fensterblicke" wörtlich genommen. Achtmal nähert sie sich als Beobachterin Häusern, durch deren Fenster man einen Blick auf die privaten Räume ihrer Bewohner erhaschen kann. Lebendige Menschen kommen in diesen Momentaufnahmen nicht vor, dafür erzählen zufällig abgelegte Gegenstände, die Raumgestaltung und das Mobiliar bewegte und bewegende Geschichten, deren lose Enden der Leser selbst weiterspinnen kann. Einige Gegenstände kehren als Leitmotiv in verschiedenen Zusammenhängen wieder, zum Beispiel ein Füllfederhalter oder ein Taschenmesser.

Subtil macht sich auch leises Grauen bemerkbar, etwa, wenn in einem der beschriebenen Zimmer die Tür von innen abgeschlossen ist und neben der Computertastatur ein Autoschlüssel liegt, während über einen Fernsehbildschirm Werbung flackert. Dass unter quasi normalen Oberflächen oft der Horror wütet, kennt Jana Sütterlin von einem ihrer Lieblingsschriftsteller, dem Thriller-Autor Wulf Dorn.

Das Literaturseminar in Ochsenhausen sei für sie eine tolle Erfahrung gewesen, berichtet sie. Man habe da nicht nur mit verschiedenen Schreibtechniken und literarischen Genres Bekanntschaft gemacht, sondern auch jede Menge Kontakte knüpfen können. Ein Highlight sei der Besuch des Schriftstellers Albert Ostermaier gewesen, der aus seinem Roman "Lenz im Libanon" las. Die Teilnahme an dem Seminar habe sie auch ermutigt, sich um ein Stipendium der Deutschen Studienstiftung zu bewerben, berichtet Jana. Hierfür muss sie im September eine Prüfung ablegen, die in etwa mit dem Niveau einer Abiturprüfung zu vergleichen ist.

Und wie geht es weiter? Jana Sütterlin, die beim Abitur für herausragende Leistungen in Physik und Chemie ausgezeichnet worden war, wird im kommenden Wintersemester ein Physikstudium in Jena beginnen. Die Verbindung von Fachwissen und dessen verständliche Darstellung in fachjournalistischen Texten fasziniert sie. "Ich würde mir wünschen, dass Jana ihre herausragenden Analysefähigkeiten für Forschungen im Bereich der künstlichen Intelligenz nutzen und dabei beide Neigungen vereinen kann", meint ihre Deutschlehrerin Dorothea Schmidt.