Gipfel der Einsamkeit

So gelingt ein Hüttenurlaub auf einer Alm in den Bergen

Joachim Hauck

Von Joachim Hauck (dpa)

So, 19. September 2021 um 17:28 Uhr

Reise

Ohne Internet und Fernsehen; dafür mit kaltem Wasser und viel Ruhe: Ob das Herz wirklich für die Berge schlägt, zeigt sich im Sommer auf der Alm. Unser Autor hat einen Selbstversuch gemacht.

So stellt man sich Hüttenurlaub gemeinhin vor: Absolute Ruhe, Fernsehen und WLAN gibt es nicht, ein bisschen schummeriges Licht kommt von Kerzen und Taschenlampen. Total romantisch ist es im Schoß von Mutter Natur – aber meistens auch ziemlich unbequem. Schon der Weg hinauf ist oft ein Abenteuer, das Schleppen des Gepäcks anstrengend und der Aufenthalt eine Mutprobe: Das Wasser zum Waschen und Duschen ist eiskalt, das Kochen eine Herausforderung und der Gang zum Plumpsklo auch nicht gerade jedermanns Sache. Wollen wir so wirklich für eine ganze Woche Ferien machen?

Wir wollen. Denn wir haben beim Googeln nach Hüttenurlaub eine Menge vielversprechender Optionen gefunden, die auch in exponierten Lagen einigen Komfort bieten. Unsere Wahl fiel auf die "Alplhütte" in Österreich, 1600 Meter über Radenthein am Millstätter See gelegen und mit dem Auto zu erreichen.

Ein Brunnen kühlt das Bier

Vermieter Peter Pontasch führt uns zu dem schmucken Häuschen, das er vor 20 Jahren mit seinem Bruder gebaut hat. Für sieben Tage wird es unser Domizil sein. Auf einer kleinen Almwiese liegt die Hütte umsäumt von Zirben. Der Blick schweift über die Kärntner Nockberge zum Feldsee weit unten im Tal. Still ist es hier oben, nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Und das Plätschern des Brunnens, der in den nächsten Tagen unseren Vorrat an Säften und Bier kühl halten wird.

Außerdem muhen hin und wieder ein paar Kühe, die den Sommer und den Frühherbst auf der Alm verbringen und der Hütte recht nah kommen.

So nah, dass Peter Pontasch sein Reich mit einem langen Zaun umgeben hat und seinen Gästen einen guten Rat erteilt: "Lasst’s euer Auto bloß net draußen auf dem Weg stehen, die Küh’ schlagen mit ihren Glocken oder Hufen schnell a Trumm Dellen ins Blech." So hat der Kärntner fürs Auto ein Extragatter gebaut, das absolut kuhsicher ist. Wir nehmen den Rat gerne an. Da wir mit Hund unterwegs sind, gehen wir auch bei unseren Wanderungen, die buchstäblich vor der Hüttentür beginnen, dem Hornvieh lieber aus dem Weg.

Ansonsten ist die Nachbarschaft der Kühe eher lustig als lästig. Und besonders amüsant, wenn die neugierigen Tiere den Besuchern über den Zaun hinweg beim Frühstück zusehen.

Warmes Wasser dank Ofen

Das Innenleben auf der Hütte spielt sich auf zwei Ebenen ab. Das Erdgeschoss hat ein Wohn- und ein Schlafzimmer mit vier Betten. Im ersten Stock, der über eine steile Treppe erreicht wird, gibt es noch einmal vier Betten und sogar ein richtiges Bad mit WC.

Fließend Wasser aus dem Bach ist reichlich vorhanden, einen Abwasserkanal hat die Gemeinde schon vor Jahren gebaut – für eine kleine Siedlung von Ferienhäusern in der Nähe. Warmes Wasser liefert die mit Holz befeuerte Therme der Alplhütte.

"Ihr müsst’s olle zwei, drei Toge den Ofen im Erdgeschoss ordentlich anschürn", sagt Peter Pontasch. Das reiche aus, damit alle Leute im Haus duschen könnten. Tatsächlich reicht das warme Wasser immer, wobei das Anschüren des mächtigen Ofens mit Papier und Holzspänen eine Wissenschaft für sich sein kann.

Nicht ohne ist auch das Kochen auf dem holzbefeuerten Herd, den wir noch von Omas Bauernhofküche her kennen. Wenn endlich ein Feuerchen brennt – und das kann bei Ungeübten dauern –, braucht es eine Weile, bis das Wasser für den Kaffee und die Frühstückseier heiß ist. Doch irgendwann haben wir den Bogen raus. Wenn nicht gerade draußen vor der Hütte gegrillt wird, gibt es Selbstgekochtes vom Herd.

Dass dabei auch die Stube schön warm bleibt, ist auf 1600 Meter Höhe selbst im Sommer ein angenehmer Nebeneffekt. Draußen kann es nämlich recht frisch sein. Gerne ziehen wir uns in die Hütte zurück. Auf dem Dach erzeugen Solarpaneele genug Licht zum Lesen oder Kartenspielen. Für einen Fernsehapparat reicht es zum Glück nicht.

Wo die Nachtruhe wirklich ruhig ist

Nach einem entspannten Abend mit guten Gesprächen und kühlem Bier geht es zum Schlafen in die rundum mit Holz verkleidete, urige Bettkammer. Ruhe ist auch bei offenen Fenstern garantiert. Das Rauschen der Blätter ist das lauteste Geräusch, das wir hören.

Die Füchse, Marder und Rehe, die nachts ums Haus streifen, bekommen wir nicht zu Gesicht. Dass sie da waren, sehen wir am nächsten Morgen, wenn die Essenreste und das Futter, das unser Hund vor der Hütte zurückgelassen hat, restlos weggefressen sind.

Einkaufen wird zu einem Ausflug

Da es keinen Laden um die Ecke gibt, müssen wir zum Einkaufen ins Tal: Das heißt also 15 Kilometer runter und wieder rauf. Peter Pontasch hat uns einen Schlüssel mitgegeben, der die Schranke für das letzte Stück Forstweg zur Hütte öffnet. Das ist durchaus anspruchsvoll.

Das Gleiche gilt für den anschließenden, weitgehend asphaltierten Weg hinab nach Radenthein, der teils recht schmal ist und bei Gegenverkehr einige Routine im Ausweichen, Zurückstoßen und Manövrieren erfordert. Da empfiehlt es sich, den Gang zum Supermarkt mit einem Ausflug zum Millstätter oder Afritzer See zu verbinden. Und Station in einem hübschen Biergarten mit Backhendl und Kärtner Fleischnudeln zu machen.

Oft müssen wir die Tour ins Tal nicht machen, denn Butter, Käse, Fleisch und Wurst bleiben auf der Hütte auch an heißen Tagen frisch. Zu verdanken ist das dem ganz ohne Strom funktionierenden Kühlschrank Marke Eigenbau: Weil Energienot erfinderisch macht, hat Peter Pontasch einen stählernen Kasten gebaut, der durch eiskaltes Wasser aus dem Gebirgsbach auf Kühlschranktemperatur gebracht wird.

Nachbarn, Besucher, Trubel? Gefehlt hat uns auf der Alplhütte nichts. Und gelernt haben wir auch etwas: Dass Hüttenurlaub durchaus komfortabel sein kann. Wenn man dabei ein bisschen erfinderisch ist.
Weitere Infos

Anbieter von Hüttenaufenthalten: http://www.almhuettenurlaub.de www.huettenland.com, http://www.landsichten.de und http://www.huettenguide.net