"We Live"-Festival

So hat Posaunist Nicolas Scherger das Streaming-Konzert von No authority aus Lahr erlebt

Nicolas Scherger

Von Nicolas Scherger

Mo, 27. Juli 2020 um 21:00 Uhr

Lahr

Mit der Skapunk-Formation No Authority in der Reihe "We Live" sein erstes Konzert ohne Publikum gespielt. Der Musiker gibt zu: "Plötzlich war das Lampenfieber da."

Los geht’s
Es ist dunkel im Schlachthof. Leichter Nebel steigt auf. "Boom, chakalaka" dröhnt aus den Boxen, das übliche Intro unserer Konzerte. Wir stehen mit dem Rücken zum Saal, starren auf das Schlagzeug. Gleich werden wir uns umdrehen und loslegen. Doch diesmal ist kein Publikum da. Stattdessen beobachten uns Kameras. Uns steht eine Premiere bevor. Selbst eine Band, die seit 24 Jahren auf der Bühne steht, hat plötzlich Lampenfieber. Da schau her.

Der Grund ist einfach. Wir verstehen uns als Liveband, im Vordergrund steht die Party mit dem Publikum. Klar, gut spielen wollen wir auch. Aber wichtig ist vor allem die Energie, die von der Show ausgeht: Unsere Musik ist laut und schnell, wir springen über die Bühne, die Leute tanzen. Ein schiefer Ton hier, ein verpasster Einsatz da – interessiert hinterher niemanden mehr. Normalerweise. Aber bei diesem Konzert werden die Menschen zuschauen, während sie auf dem Sofa fläzen. Sie werden alles glockenklar und in Zimmerlautstärke hören können. So, No Authority, wollen wir mal sehen, was ihr abliefert. Auf immer und ewig wird das Video im World Wide Web stehen! Der Gedanke baut Druck auf.



Erstmal fröhlich grinsen
Egal, jammern hilft jetzt auch nicht. Dann los. Das Schlagzeug zählt ein, tief Luft holen, umdrehen, die Posaune föhnen lassen. Blau-lila Scheinwerferlicht, fetter Sound auf der Bühne, fühlt sich gut an. Schnell ans Gesangsmikrofon wechseln, zurück zur Posaune. Das Bläserthema endet, also: Tanzen und Kontakt zur Kamera aufnehmen. Aber zu welcher? Es sind ja zehn, die meisten davon mobil und in Bewegung. Herrje. Zur Sicherheit erstmal fröhlich grinsen. Oh, ganz hinten steht eine fest am Platz. Ein Fixpunkt. Wichtig.

Langsam werden wir warm. Die Gitarren krachen, der Bass wummert, wir flirten mit den Kameras. Die Filmcrew und die Gäste der Rockwerkstatt jubeln und feuern uns an. Die Power stimmt, der Spirit ebenfalls. Trotzdem, die ganz große Lockerheit will sich nicht einstellen. Manche Songs spielen wir zweimal, weil wir sie beim ersten Versuch leicht versemmeln. Deshalb sind wir gegen Ende des Konzerts ganz schön platt. Nach etwas mehr als einer Stunde ist die Aufnahme im Kasten. Wir haben alles gegeben, nur: Wie gut ist es geworden? Schwierig einzuschätzen. Aber wir blicken in fröhliche Gesichter um uns herum. Ein erster Hinweis, immerhin.

Es darf knarzen und reiben
Danach ist Warten angesagt. Wochenlang. Bis wir eine Einladung ins Studio bekommen. Wir hören das Konzert zusammen an, checken den Sound. Und sind positiv überrascht: Es klingt runder und besser als in unserer Erinnerung. Klar, es juckt in den Fingern, digital weiter nachzuhelfen. Aber wir zügeln uns. Schließlich soll es authentisch sein, das Live-Feeling muss rüberkommen. Und am Ende, hey, ist es immer noch Skapunk. Da darf es ruhig knarzen und reiben.

Die ersten Bilder sehen wir, als drei Tage vor dem großen Event ein Song online geht. Nur mit Mühe bekommen wir unsere Kinnladen wieder eingerenkt. Das Licht, die Kameraeinstellungen, die Dynamik der Schnitte – wie unfassbar gut ist das gemacht. Dann, endlich, der Livestream. Wir glotzen auf den Bildschirm und freuen uns wie Fünfjährige unterm Weihnachtsbaum. Über manche Szene werden wir uns noch jahrelang amüsieren. Der Ruhm gebührt den Produzenten. Aber ein bisschen stolz sind wir auch.

Das Fazit
Was für eine großartige Erfahrung. Danke, Lahrer Rockwerkstatt, dass wir bei "We live" dabei sein durften. Danke, Punchline Studio, für einen Film, den wir noch unseren Urenkeln zeigen werden. Wann immer ihr bereit seid für Runde zwei – wir sind am Start.

Nicolas Scherger (39) hat bei der Badischen Zeitung volontiert und ist kommissarischer Pressesprecher der Universität Freiburg. Er spielt bei No Authority und der Big Band W. No Authority waren 1996 eine der ersten Skapunks-Bands in Deutschland.