Baumpflege

So werden Obstbäume richtig geschnitten

Martin Pfefferle

Von Martin Pfefferle

So, 10. Juli 2022 um 20:35 Uhr

Haus & Garten

Schliengens Obstbäume zur Blütezeit sind auch bei Touristen sehr beliebt. Damit sich die Bäume gut entwickeln und gesund bleiben, müssen sie geschnitten werden. Der richtige Schnitt ist eine Kunst für sich.

Der Unterschied fällt auch einem Laien auf. In den Obstbäumen nebenan wachsen viele Misteln. Das sieht für manchen hübsch aus – aber für den Fachmann ist es ein Alarmsignal. Diese Bäume stehen vor dem Absterben. Jörg Mensens ist so ein Fachmann. Er ist für den Obstbaumschnitt beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Bad Bellingen-Schliengen zuständig. "Es ist eine Kunst, richtig zu schneiden", sagt er, und seine Mitstreiter nicken. Das sind an diesem Tag Wilfried Vollmer und Martina Schwinger.



So vital wie die vom BUND gepflegten Bäume sind, so vital ist auch die Ortsgruppe Bad Bellingen-Schliengen. Insgesamt werden 5,3 Hektar naturschutzwürdige Flächen, verteilt auf 21 Standorte, gepflegt. Gegründet wurde der Ortsverband 1981, und zwar von Alfred Wagner, heute steht die promovierte Biologin Martina Schwinger an der Spitze.

Ortswechsel: Im Malhüsle im Bad Bellinger Kurpark haben sich an diesem Nachmittag drei Kinder sowie die Betreuerinnen Sigrid Wöllner und Martina Schwinger versammelt. Sie gehören zum Nachwuchs der BUND-Ortsgruppe und basteln heute kleine Insektenhotels. Viel braucht es dafür nicht: eine leere Blechdose, Japanknöterich und Schilf sowie etwas Gips.

Mit einer Baumschere schneiden die drei Sieben- und Achtjährigen von dem Pflanzenmaterial passend lange Stücke ab. Das ist nicht ganz einfach. Es braucht Kraft und Konzentration. Doch die drei sind motiviert. "Wir möchten den Tieren helfen", sagt Malaika, acht Jahre alt. Und die siebenjährige Letizia ergänzt: "Wir möchten etwas über die Natur lernen."

Gute Entwicklung und hoher Ertrag

Auch das ist kein Problem: Martina Schwinger ist Insektenfachfrau und erzählt, ganz kindgerecht, gerne von den "Bienenmamas" und den "Bienenpapas", die es bei den Wildbienen tatsächlich gibt – im Gegensatz zu den Honigbienen, wo die Königin die Eier legt. In die Kammern in den Halmen und hohlen Ästen bringen die Wildbienen jeweils Blütenstaub, Nektar und ein Ei, dann verschließen sie sie mit einer Lehmwand. Als die Halme und Äste so gekürzt sind, dass sie in die Dose passen, und genügend davon da sind, rührt Martina Schwinger Gips mit Wasser an. Jetzt muss es schnell gehen. Gips in die Dose, Halme dazu und nur noch vorsichtig in die Hand nehmen, damit der Gips abtrocknen kann. Dazwischen gibt’s wieder ein paar Infos für die Kinder: In Halme mit größeren Löchern gehen auch stahlblaue Grillenjäger – auch Grabwespe genannt. Ein Zeichen dafür seien herausragende Grasbüschel.

Zurück zu den Streuobstwiesen. Ganz einfach ist er nicht, der richtige Schnitt: Jörg Mensens schwört auf den sogenannten Oeschbergschnitt. Dabei geht es um ein stabiles Kronengerüst – gute Entwicklung und hoher Ertrag sollen bei dem in den 1920er-Jahren von Hans Spreng entwickelten Schnitt Hand in Hand gehen. Vor allem geht es um das Fruchtholz im Kronenaufbau. Vier bis fünf Leute sind für den Schnitt auf den zwölf Wiesen mit etwa 260 Bäumen zuständig.

Teilweise stehen auf den Streuobstwiesen, die die BUND-Ortsgruppe pflegt, 70 bis 80 Jahre alte Bäume. Durch abgestorbene Bäume verursachte Lücken werden mit jungen Bäumen gefüllt. Mitunter werden tote Bäume aber auch stehen gelassen. Denn, so Jörg Mensens: "Manche sagen, nur ein toter Baum ist ein lebendiger." Für Bienen und Fledermäuse sind Streuobstwiesen ein Eldorado.

Hauptsächlich stehen Apfelbäume auf den Wiesen. Deren Früchte werden selbstverständlich genutzt – und zu Saft verarbeitet. Bis zu 4000 Liter Apfelsaft kommen so jedes Jahr zusammen. Wer Lust darauf hat, wird bei der Winzergenossenschaft in Schliengen fündig oder kann sich ein Glas im Landhotel Graf in Obereggenen bestellen.

Schliengens Obstwiesen zur Blütezeit sind auch bei Touristen beliebt

Aber was ist eigentlich eine Streuobstwiese und was eine Intensivanlage? "Wenn sie mit geringerem Abstand in Reih und Glied stehen, dann sind es Intensivanlagen und keine Streuobstwiesen", sagt Jörg Mensens. Die Streuobstwiese, so Mensens, sei ein vom Menschen gemachtes Biotop – allerdings eines, das inzwischen bedroht sei. Der händische Aufwand beim Schneiden und Mähen sei einfach sehr, sehr groß.

Dem BUND geht es auch um die soziale Integration. Dementsprechend hat er eine Kooperation mit der Christopherus-Gemeinschaft. Sie hilft beim Auflesen der Äpfel im Herbst. Und die geschnittenen Weiden gehen an die Werkstätte. Die ganze Gemeinde, freut sich Mensens, trägt die Arbeit des BUND mit. Finanziert wird das teilweise von der mit der Firma Mayka verbundenen Barbara-Michel-Stiftung, die sich dem Schutz der einheimischen Natur verschrieben hat. Die Obstwiesen, eines der Merkmale Schliengens und auch bei Touristen vor allem zur Blütezeit beliebt, sollen nicht verschwinden. "Diese Unterstützung ist außergewöhnlich."

Meist sind es acht bis zehn Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren, die zu der Kindergruppe einmal im Monat am Freitagnachmittag kommen. Mehr sollen es gar nicht unbedingt werden. Denn, so Leiterin Stephanie Gemmeke-Hartl, es sollte genügend Raum für jedes einzelne Kind geben. In erster Linie geht es ihr um klassische Umweltbildung, etwa darum, Blumen, Vögel und Insekten zu benennen. Also: sehen, wahrnehmen und darauf achten. So werden auch verschiedene Habitate mit verschiedenen Tieren besucht. "Vor allem, wenn es dann rausgeht, sind die Kinder begeistert dabei", sagt Gemmeke-Hartl.

Mehr zum Thema: