Eishockey-Spieler Ben Meisner

GESICHT DER WOCHE: Ein Vorbild für alle

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

So, 02. Februar 2020

Freiburg

Ben Meisner ist ein Leistungsträger: Er ist derzeit der beste Eishockey-Torwart der zweiten Deutschen Eishockeyliga, hat die meisten Shutouts und die wenigsten Gegentore der Liga. Auch in menschlicher Hinsicht ist der Freiburger EHC-Goalie ein Vorbild: Der 29-jährige Deutschkanadier spricht offen über seine Depression, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Er nennt sich "Mental Health Advocat", Aufklärer für psychische Gesundheit. Und er möchte seine Geschichte erzählen, um anderen zu helfen. "Jedes Mal, wenn ich über meine Depression rede, rette ich vielleicht ein Leben," sagt Meisner. In der Badischen Zeitung sprach er diese Woche offen über seinen Suizidversuch. Seit seiner Jugend kämpft Meisner, der im kanadischen Ort New Germany in Nova Scotia aufwuchs, mit Panikattacken und Angstzuständen. Seine Hockeykarriere, die ihn von Kanada über die USA nach Deutschland führte, ist begleitet von Existenzängsten. "Obwohl es für mich nach oben ging, war ich überzeugt, dass mein Karriereende nah war", sagt er.
Die Situation für Spieler in der Minor League ist hart, und für Menschen mit Depression eine noch größere Herausforderung: Kurze Verträge, wenig Geld und viel Konkurrenz. Der Leistungsdruck hält Meisner davon ab, mit jemandem über seine Probleme zu sprechen. "Ich konnte nur an die anderen Goalies denken, die meinen Platz einnehmen würden", sagt er. Meisner weint täglich, kann nicht essen, nicht schlafen. Es gibt Tage, an denen er sein Zimmer in einer Sportler-WG nicht verlässt, weil er Angst hat, seinen Mitbewohnern zu begegnen. "Meine Beine fingen plötzlich an zu zittern, meine Oberschenkel kribbelten und mir wurde schwindelig." Eine Behandlung oder irgendeine Hilfe bekommt er zu der Zeit nicht. "Ich habe mich darauf konzentriert, das irgendwie durchzustehen." Bis er eines Tages nicht mehr kann, ein Seil kauft, es an einem Treppengeländer befestigt und einen Stuhl zurecht schiebt. Er hätte nur einen Schritt tun müssen – und alles wäre vorbei gewesen. Allein die Angst hält ihn vom Suizid ab.

Ben Meisner wäre heute nicht mehr am Leben, hätte er sich nach seinem Suizidversuch nicht Hilfe gesucht. "Ich übertreibe nicht, wenn ich das sage." Er wendet sich an einen Mannschaftsarzt, der ihn an einen Psychologen überweist. Meisner macht eine Verhaltenstherapie, nimmt Medikamente und gibt auf sich acht. Seit seinem Suizidversuch hatte er keine depressiven Phasen mehr. "Mir geht es gut", sagt er. Und er spielt so gut, wie er noch nie: Für den EHC, einen Verein, der offen mit dem Thema Depression umgeht und ihn so akzeptiert, wie er ist.Gina Kutkat