Todesfall nach Iberogast-Einnahme?

Staatsanwalt ermittelt gegen Ex-Bayer-Manager

Christian Rath und dpa

Von Christian Rath & dpa

So, 20. September 2020 um 20:00 Uhr

Wirtschaft

Der Konzern Bayer Vital weigerte sich lange, vor möglichen Leberschäden durch das Magenmittel Iberogast im Beipackzettel zu warnen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln.

Neues Ungemach für den Leverkusener Konzern Bayer: Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt im Zusammenhang mit dem Magenmittel Iberogast wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung. Beschuldigter ist ein ehemaliger Verantwortlicher von Bayer Vital, der Konzernsparte für rezeptfreie Medikamente.

2018 war eine 56-Jährige in Leipzig mit Leberschäden ins Krankenhaus gekommen, an den Folgen einer Lebertransplantation starb sie. Sie soll zuvor Iberogast genommen haben. Die Staatsanwaltschaft prüft nach eigenen Angaben, ob durch das Weglassen eines Warnhinweises auf dem Beipackzettel die Sorgfaltspflicht verletzt worden sei und ein ursächlicher Zusammenhang mit der Mitteleinnahme und gesundheitlichen Beeinträchtigungen bestehe.

Führen schöllkrauthaltige Arzneimittel zu Leberschäden?

Iberogast ist ein bekanntes pflanzliches Arzneimittel für Magen-Darmbeschwerden, das seit 1960 hergestellt wird. 2013 hatte Bayer Vital den Hersteller Steigerwald übernommen. Das Präparat enthält unter anderem Schöllkraut. Seit gut 15 Jahren sind dem Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) Meldungen von Ärzten bekannt, dass schöllkrauthaltige Arzneien zu Leberschäden führen könnten. Das BfArM nahm 2008 hoch dosierte Schöllkraut-Medikamente vom Markt und verlangte bei Mitteln mit wenig Schöllkraut Warnhinweise in den Beipackzetteln.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel ließ den Fall jahrelang liegen

Steigerwald und später Bayer hielten Iberogast jedoch für ungefährlich und legten Widerspruch ein. Das BfArM ließ den Fall erst einmal liegen. Es befürchtete eine Niederlage vor Gericht, weil die 48 damals bekannten Fälle andere Schöllkraut-haltige Medikamente betrafen. Erst 2016 gab es vier gut dokumentierte Fälle zu Iberogast-Nebenwirkungen. Nun lehnte das BfArM den Widerspruch von Bayer ab, wogegen Bayer beim Verwaltungsgericht Köln klagte. Der Beipackzettel von Iberogast warnte weiterhin nicht vor Leberschäden. Im Juli 2018 starb die Frau in Leipzig. Nun änderte Bayer den Beipackzettel, in dem es jetzt unter anderem heißt: "Bei bestehenden Lebererkrankungen (...) darf das Arzneimittel nicht eingenommen werden." Die Klage gegen die Warnpflicht nahm Bayer erst im August dieses Jahres zurück.

Staatsanwaltschaft: Nur ein Anfangsverdacht

Seit 2019 ermittelte die Kölner Staatsanwaltschaft, zunächst gegen unbekannt, dann gegen zwei Ex-Manager von Bayer Vital. Gegen einen wurde das Verfahren inzwischen eingestellt. Die Staatsanwaltschaft nennt keine Namen, da es sich erst um einen Anfangsverdacht handele. Es seien noch längere Ermittlungen erforderlich, insbesondere zur Kausalität. Gegenstand der Ermittlungen sind auch zehn weitere Fälle, bei denen es zwischen 2015 und 2018 zu nicht-tödlichen Komplikationen kam.

Bayer plant schöllkrautfreie Variante

Bayer kooperiert nach eigenen Angaben mit den Behörden. "Nach jetzigem Kenntnisstand ergeben sich keine neuen medizinischen Erkenntnisse, die zu einer Neubewertung des Sachverhalts durch Bayer führen würden", sagte eine Sprecherin. Bayer gehe davon aus, "dass im Zusammenhang mit den aufgetretenen Nebenwirkungen keine gesicherte Kausalität in Verbindung mit der Einnahme von Iberogast besteht". Iberogast sei "ein bewährtes, wirksames und sicheres Medikament". Im Oktober bringt der Konzern mit Iberogast Advance eine Variante ohne Schöllkraut auf den Markt, das klassische Iberogast wird weiterhin verkauft.