Interview

Städtebauer Vittorio Magnago Lampugnani über das Bauen mit Corona

Christa Sigg

Von Christa Sigg

Fr, 07. August 2020 um 20:00 Uhr

Kultur

Dass sich Menschen begegnen können, gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Architektur, meint der Städtebauexperte Vittorio Magnago Lampugnani im BZ-Interview.

BZ: Herr Lampugnani, an den Hochschulen werden "coronasichere" Räume entwickelt. Müssen Architekten umdenken?
Lampugnani: Sie müssen weiterdenken. Der Notstand der Pandemie sollte uns die Augen öffnen für das, was wir falsch gemacht haben und immer noch falsch machen. Aber die Korrekturen am Status quo müssen über die Corona-Zeit hinaus gehen.

BZ: Wie sieht sinnvolles Bauen dann aus?
Lampugnani: Bauen darf sich nicht an aktuellen Umständen orientieren. Bauen ist langfristig. Unsere Räume müssen Jahrzehnte, Jahrhunderte Bestand haben. Bauen ist da, wo es mehr ist als Bedürfniserfüllung, optimistisch, sogar idealistisch. Wir müssen für ein Leben bauen, wie wir es uns erhoffen, nicht für eins, das wir ertragen.

BZ: Die Pandemie wird uns noch eine Weile beschäftigen, sie hat unser Zusammenleben verändert. Wird sich nicht auch die Stadt wandeln?
Lampugnani: Der Covid-19-Notstand wird gern instrumentalisiert, um die alte Polemik gegen die Stadt zu schüren. Und um die Neigung zu rechtfertigen, sich den Nachbarn vom Leib zu halten. Aber das Loblied des Landlebens führt zu nichts in einer Welt mit knapp acht Milliarden Menschen. Die neue Stadt, die beschworen wird, ist nichts als die alte Gartenstadt.

BZ: Was schlagen Sie vor?
Lampugnani: Anstatt gescheiterte Modelle aus dem Keller zu holen, die einer modernen, industrialisierten, einigermaßen gerechten Gesellschaft nicht würdig sind, sollten wir versuchen, von der Pandemie positive Impulse aufzunehmen. Hat uns die Zeit der Vereinzelung nicht gelehrt, den Kontakt zu anderen Menschen mehr zu schätzen? Das Angewiesensein auf unsere Wohnungen, ihr Verbesserungspotenzial zu erkennen? Der Blick auf unsere leer gefegten Städte, rücksichtsvoller mit ihnen umzugehen, ihre Schönheit zu schätzen und zu verteidigen?

BZ: Die historische Stadt war auf Dichte angelegt, jetzt ist Nähe heikel geworden.
Lampugnani: Dichte ist immer noch die Voraussetzung für eine gut funktionierende Stadt mit hoher Lebensqualität für alle. Nähe ist kein Problem, im Gegenteil. Nur müssen wir mit ihr vorsichtig umgehen, so lange die Ansteckungsgefahr virulent bleiben wird.

BZ: Deshalb sitzen in Restaurants, Theatern, Kinos Besucher in gebührendem Abstand. Stellt sich die Frage, wie lange wir das finanziell durchhalten.
Lampugnani: Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind erschreckend. Aber wir wissen seit Langem, dass wir mit weniger Ressourcen auskommen müssen. Auch mit weniger Geld. Die Frage ist, wie es verteilt wird. Es sollten nicht die Kleinen überproportional unter der Krise leiden und möglicherweise aufgeben müssen.
Jede Stadt braucht eine besondere Strategie. Vittorio Magnago Lampugnani
BZ: In Gremien wird intensiv über Baustopps nachgedacht.
Lampugnani: Wir dürfen nicht in Angst erstarren. Auch nicht vor der wirtschaftlichen Krise. Ich kann nachvollziehen, dass bei Büroneubauten gezögert wird, vor allem, weil nicht abzusehen ist, inwieweit das Home-Working nicht auch jenseits des Notstands zur Regel wird. Persönlich glaube ich nicht daran, die meiste Arbeit ist auf Austausch angewiesen und ohne diesen trist. Aber wenn wir Kindergärten und Schulen, Museen und Theater, die traditionellen Geschäfte und Restaurants verkommen lassen und irgendwann schließen, geben wir unsere Städte auf.

BZ: Bislang galt Nachverdichtung als Zauberlösung. Interessanterweise fällt der Begriff kaum noch.
Lampugnani: Ach, die Modewörter der Stadtplanung. Nachverdichtung war nie eine Zauberlösung. Jede Stadt braucht eine besondere Strategie.

BZ: Wenn viel Wohnraum benötigt wird, gehen Städte in die Breite. Das dürfte kaum im Sinne einer ökologischen Planung sein?
Lampugnani: Wenn wir nicht ökologisch radikal umdenken, werden wir uns selber noch viele Pandemien bescheren. Diejenigen, die nach mehr Raum für soziale Distanziertheit rufen, wollen sich arrangieren; es müssen aber die Ursachen bekämpft werden. Wir kennen sie: Raubbau, Entwaldung, Umweltverschmutzung, Landschaftszerstörung. Dass in der Vernichtung der Biodiversität der Ursprung der Pandemien liegt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Wir können dazu beitragen, deren Risiko zu vermindern, indem wir der entfesselten Urbanisierung Einhalt gebieten. Am Prinzip der kompakten Stadt festhalten. Sie ist nicht nur die Stadt der Geselligkeit und des Gemeinschaftssinns, sie ist auch die Stadt der kurzen Wege und der minimierten Zwangsmobilität, die Stadt des geringeren Energieverbrauchs, die Stadt des sparsamen Umgangs mit der Landschaft.

BZ: Wie soll diese Stadt heute aussehen?
Lampugnani: Alle unsere historischen Städte, so unterschiedlich sie sind, sind kompakte Städte. Sie sind dicht und nicht beengt, haben Häuser, die sich nicht voneinander abwenden, sondern miteinander sprechen, Gassen, Straßen, Plätze, Alleen, Parkanlagen. Sie sind die Modelle, an denen wir uns orientieren müssen.

BZ: Können das Städte wie München, Stuttgart oder Frankfurt mit ihrer starken Zuwanderung überhaupt umsetzen?
Lampugnani: Ich sage nicht, wir dürfen unsere Städte nicht erweitern. Ich sage nur, wir müssen sie kompakt erweitern. Nicht mit Siedlungen, sondern mit Quartieren. So können wir vielleicht erreichen, dass die urbanen Peripherien ähnlich attraktiv werden wie die Innenstädte.

BZ: In den attraktiven Innenstädten wird vor allem luxussaniert.
Lampugnani: Diese Luxuswohnungen werden weiterhin entstehen, Menschen mit niedrigen Einkommen werden weiterhin verdrängt. Es sei denn, wir ziehen aus der Pandemie, die die Benachteiligten besonders getroffen hat, die Lehre, dass Schwächere mehr Schutz brauchen. Und dass die Stadt, wenn sie ein Ort der Vielfalt bleiben soll, sie dringend braucht.

BZ: Müssen wir den Begriff Eigentum neu denken?
Lampugnani: Wir müssen den Begriff Wohnungsmarkt neu denken. Er kann nicht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage überlassen werden, sondern muss Teil einer Strategie sein, die Stadt als sozialen Ort begreift.

BZ: Wie sollte die Stadt der Zukunft aussehen?
Lampugnani: Die Frage ist, wie die Welt der Zukunft aussehen sollte: eine Welt, in der wir mit der Natur respektvoll umgehen. Tun wir das nicht, wird das katastrophale Konsequenzen haben. Die Städte sind ein Teil im Puzzlespiel unseres Ökosystems, aber kein unwichtiger: Sie machen knapp 50 Prozent der Umweltbelastung weltweit aus. Sie müssen dringend nachhaltiger werden: sparsamer, dauerhafter, kompakter.

Vittorio Magnago Lampugnani, geboren 1951 in Rom, zählt zu den bedeutendsten Städtebauexperten weltweit. Er war Direktor des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt und lehrte Geschichte des Städtebaus an der TH Zürich. Seit 1981 führt er ein Studio in Mailand, seit 2010 ein Büro in Zürich.