Hilfe im Haushalt

Streit um Corona entzweit Freiburger Genossenschaft – Aufsichtsrat ausgewechselt

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Mi, 22. Juni 2022 um 11:00 Uhr

Freiburg

Nach Diskussion um Hygiene-Maßnahmen tritt fast die ganze Führung von Sages zurück. Die Sozialgenossenschaft organisiert Hilfen im Haushalt. Ein Nachfolger war bereits mit kruden Thesen zu Corona aufgefallen.

Die gemeinnützige Genossenschaft Sages hat im Streit über Corona-Maßnahmen fast den gesamten Aufsichtsrat und den halben Vorstand gewechselt. Der neue Aufsichtsratvorsitzende war bereits zu Beginn der Pandemie mit kruden Thesen aufgefallen.

Peter Schmidt war bis Jahresanfang Vorsitzender des Aufsichtsrates von Sages.

Die Genossenschaft organisiert Hilfen im Haushalt für Menschen mit geringem Pflegegrad. Die Helfer erhalten eine Aufwandsentschädigung. Weil die Genossenschaft damit kein professioneller Pflegedienstleister, sondern eher auf der Ebene von Nachbarschaftshilfe organisiert ist, hätten die Vorschriften für Pflegekräfte dort nicht gegolten, erzählt Schmidt. Da die Mitarbeitenden dennoch zu pflegebedürftigen Menschen nach Hause gehen, habe sich in der Genossenschaft eine Diskussion darüber entsponnen, welche Corona-Maßnahmen durchgesetzt werden sollten. "Da ließ sich jedoch kein Konsens finden", erzählt Schmidt. Er hätte erreichen wollen, dass neu eingestellte Kräfte geimpft sein sollten. Die, die die Pandemie lockerer sahen, schlugen vor, dass wenn beide Seiten – Helfende und Pflegebedürftige – sich einig seien, keine Vorschriften bezüglich Masken oder Impfstatus gelten sollten.

Eine Mediation wurde installiert, aber, so Schmidt, es habe keinerlei Entgegenkommen gegeben. "Den Impfstatus abzufragen war beispielsweise ein absolutes No-Go." Unter diesen Bedingungen habe der Aufsichtsrat nicht weitermachen wollen. Vier von fünf Aufsichtsräten und einer von zwei Vorständen traten zurück. Auch der "Genossenschaftspapst" Burghard Flieger hat im Zuge der Auseinandersetzung Sages verlassen.

Der verbleibende Geschäftsführende Vorstand Nils Adolph sieht alles etwas anders. Klar habe man im Zuge der Pandemie ein Gesundheitskonzept erstellen müssen, welches auch ein Hygienekonzept beinhaltet habe. "Dem haben wir genüge getan", sagt Adolph: "Wir haben den Helfern Tests und Masken organisiert und sie dazu angehalten zu fragen, was die Klienten gerne möchten." Dazu gehöre auch zu fragen, ob jemand einzelne Schutzmaßnahmen nicht haben möchte.

Neuer Vorsitzender mit Verschwörungstheorien

Vor Weihnachten habe sich dann jedoch der Konflikt mit Co-Vorstand und Aufsichtsrat zugespitzt, die verlangten, nur noch geimpfte Helfer aufzunehmen. "Wir brauchen aber jede Hand", sagt Adolph: "Und wir sind eine Organisation, die für alle da ist, nicht nur für Geimpfte." Als klar wurde, dass der Aufsichtsrat zurücktreten werde, habe er sich ans Telefon gehängt und so schnell wie möglich versucht, Ersatz zu organisieren.

Der neu gefundene Aufsichtsratvorsitzende war im vergangenen Jahr mit verschwörungstheoretischen Schreiben aufgefallen. So hatte er in einer Mail an die BZ behauptet, er habe eine Strafanzeige gegen Oberbürgermeister Martin Horn "wegen des Verdachtes der Begünstigung eines kriminellen Komplotts zur Bevölkerungsreduktion anhand der ,Beweiskette Corona’" erstattet. Adolph sagt, er habe jemanden mit wirtschaftlichem Sachverstand gesucht. So sei er auf den Mann gekommen, der als Immobilienmakler wirtschaftliche Kompetenz mitbringe. "Mir war schon klar, dass die Nachfolger dann aus der Szene kommen werden", sagt Schmidt. Er habe jedoch die Genossenschaft nicht auflösen wollen. Daher sei ihm nichts übriggeblieben, als darauf zu achten, dass die Nachfolger zumindest eine fachliche Eignung hätten.

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