Streit um sehr alten Knochen

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Von dpa

Sa, 20. April 2019

Südwest

Die Gemeinde Mauer fordert von Heidelberger Uni den Unterkiefer des Homo heidelbergensis zurück.

MAUER/HEIDELBERG (dpa). Wie gehen wir um mit für die Menschheitsgeschichte bedeutsamen Überresten? Die Frage stellt sich gerade in Nordbaden. Der Homo heidelbergensis ist das Objekt der Begierde in der Fundort-Gemeinde Mauer. Doch die Uni Heidelberg will ihn nicht rausrücken.

Muss der Homo heidelbergensis bald in Homo Mauerensis umbenannt werden? Ganz so weit will man in der badischen Gemeinde Mauer im Einzugsbereich von Heidelberg nicht gehen. Auf deren Gemarkung entfuhr dem Sandarbeiter Daniel Hartmann beim Anblick eines ausgebuddelten Unterkiefers im Jahr 1907: "Heit hawwi de Adam gfunne" (im lokalen Dialekt: "Heute haben wir den Adam gefunden"). Der spektakuläre Fund bewegt derzeit die Gemüter: Wer darf ihn wo und wie ausstellen?

In Mauer (Rhein-Neckar-Kreis) wachsen die Begehrlichkeiten, das Schädelteil heimzuholen. Die etwa 15 Kilometer entfernte Universität Heidelberg hingegen will den Schatz nicht hergeben. Sie zahlte damals Arbeiter Hartmann sogenanntes Knochengeld, womit der Kiefer automatisch in das Eigentum der Hochschule überging, erklärt Bürgermeister John Ehret. Ihm schwebt ein modernes Museum in Mauer rund um den Homo heidelbergensis vor. Bisher gibt es in seinem Rathaus eine kleine Ausstellung rund um die Kopie des Knochenteils, das einem 20 bis 30 Jahre alten und 1,65 Meter großen Mann gehört haben mag – der vor rund 610 000 Jahren gelebt hat.

Dieser Kiefer hat für die Menschheitsgeschichte enorme Bedeutung. Das an einer trockengefallenen Neckarschleife gefundene Fossil gehört zu den ältesten menschlichen Relikten in Europa. Auf 800 000 Jahre bringen es nur noch menschliche Überreste in der Höhle Gran Dolina in Spanien.

Der robuste Kiefer mit vielen erhaltenen Zähnen aus Mauer gewann unter dem Namen Homo heidelbergensis als Vorfahre des Neandertalers internationale Berühmtheit. Heute werden alle Hominiden im Alter von 700 000 bis 300 000 Jahren übergreifend als Homo heidelbergensis bezeichnet. Mit dem 4000-Einwohner-Ort Mauer wird er dagegen selten in Verbindung gebracht.

Eigentlich ist die Diskussion um die Rückführung der Attraktion nach Mauer nicht neu; sie hat aber wieder Fahrt aufgenommen durch die Stiftung des Ehepaares Dietrich Wegner und Cornelia Sussieck. Die beiden engagieren sich schon lange im Verein Homo heidelbergensis in Mauer. Mit Bürgermeister Ehret wollen sie einen Ersatz für den bisherigen Schauraum, der auch als Trauzimmer der Gemeinde dient; der sei noch "old school", bemängelt Ehret. Ihm schweben Nachbildungen von Waldelefanten und Kinder vor, die Sand sieben und dabei Relikte finden. Kurz: Ehret träumt von einem Erlebnismuseum.

Im Mittelpunkt soll der Kiefer des Urmenschen stehen. Im Original versteht sich. "Das ist unser Ziel", sagt Wegner, der Stifter und Ehrenvorsitzende des Vereins. Warum reichen die Repliken aus Hartgips oder Expoxidharz nicht aus? "Man spürt es anders", meint Ehret. Und Stifter Wegner spricht von der Aura, die ein Original umgebe. Der pensionierte Biologielehrer ist in Gesprächen mit Sponsoren zur Realisierung der Idee.

Doch das Objekt der Begierde liegt sicher in einem Tresor der Universität Heidelberg. Das soll auch so bleiben, meint der Petrologe Michael Burchard. Beim Geschäftsführer des Instituts für Geowissenschaften der Universität Heidelberg beißen die Museumsfreunde auf Granit. Offizielle Gespräche über einen permanenten Ortswechsel des Schädelteils sind ihm nicht bekannt.

Allerdings werde der Kiefer immer wieder an Museen verliehen, die den Transport und die Versicherung übernehmen. Das Original wird zu besonderen Anlässen auch im Institut gezeigt. Burchard ist überzeugt: "Das ist ein einmaliges Fundstück, das man nicht ausstellen sollte, niemand weiß, welche Analysemethoden es in Zukunft noch geben wird."