"Für viele eine so große Erleichterung"

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 17. Februar 2019

Südwest

Der Sonntag Die Krise der katholischen Kirche lässt wieder einmal die Hoffnung auf die Abschaffung des Pflichtzölibats blühen.

Toni Nachbar
Ein Wunsch geht um im deutschen Katholizismus: Die Kirche möge endlich und bald den Pflichtzölibat für Priester abschaffen. Prominente Theologen, Kleriker und Politiker, darunter der Rektor der Jesuiten-Hochschule in Frankfurt, Ansgar Wucherpfennig, der Direktor des Gymnasiums in St. Blasien, Klaus Mertes, oder die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch verfassten vor wenigen Tagen einen offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, um tiefgreifende Reformen in der katholischen Kirche einzufordern. Ein Kernstück, so die Autoren, wäre die Befreiung der Kleriker von dem Gebot der Ehe- und Beziehungslosigkeit. Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, und die derzeitige Kulturstaatssekretärin der Bundesregierung, Monika Grütters, schlossen sich diesen Forderungen ebenfalls öffentlich an. Die Berliner CDU-Vorsitzende schrieb in der Wochenzeitung Die Zeit : " . . .dass Diözesanpriester ihre Lebensform frei wählen dürfen, der Zölibat nicht mehr Pflicht ist. Schon das wäre für viele Menschen, Kleriker wie Laien, eine so große Erleichterung!" Ähnlich dachten an diesem Wochenende auch viele Teilnehmer, die in Freiburg an der Pastoralen Konferenz des Erzbistums teilnahmen. Dort wurden tiefgreifende diözesane Strukturveränderungen erörtert, die wegen des notorischen Priestermangels notwendig sind. Die Freiburger Kirchenhistorikerin Barbara Henze, Mitglied im Diözesanrat, berichtete gestern: "Ehe die Konferenz begann, hatten nicht wenige die Erwartung, Erzbischof Stephan Burger werde während der Konferenz auch die Debatte um den Zölibat und das Priestertum von Frauen ansprechen."

Konservativer Widerstand formiert sich sofort

Rufe nach einem Ende des Zölibats gab es schon immer, stets verhallten sie am hartnäckigen Widerstand innerhalb der katholischen Kirche. Doch nach dem Bekanntwerden zahlreicher schrecklicher Fälle, bei denen Kleriker schweren sexuellen Missbrauch an Minderjährigen begingen, hat die jüngste Debatte um die kirchenrechtlich auferlegte sexuelle Enthaltsamkeit für Priester eine neue Dimension erhalten. Sie ist nicht zu trennen von der Diskussion über weitreichende Veränderungen in der Kirche, die sich in einer "tiefen existenziellen Krise" wähnt. Davon reden immerhin die deutschen Bischöfe Peter Kohlgraf (Mainz), Franz-Josef Overbeck (Essen), Karl-Heinz Wiesemann (Speyer) und Stefan Oster (Passau). Weil "Leben und Reden in der Kirche weit auseinanderfallen", fordern sie von ihren bischöflichen Kollegen die Einberufung einer Synode, auf der zusammen mit Theologen und vor allem Laien über eine Kirchenreform diskutiert werden soll. Dabei soll es um das Ganze der christlichen Botschaft gehen, und nicht zuletzt auch um die emotional aufgeladenen Streitthemen: sexueller Missbrauch, Zölibat, Sexualmoral und Priestertum der Frau.

Doch sofort formiert sich dagegen konservativer Widerstand in der Kirche. Katholische Medien berichten, die Reformwilligen seien in der Bischofskonferenz in der Minderheit gegenüber einer ebenfalls kleinen Gruppe der Widerspenstigen und einer großen Gruppe der gemäßigt Konservativen, zu denen auch der junge Freiburger Erzbischof Burger zählen soll.

Gegen eine Aufgabe der priesterlichen Ehelosigkeit plädierte unlängst der Trierer Bischof Stephan Ackermann, immerhin Beauftragter der Bischofskonferenz bei Fragen und Aufklärung des sexuellen Missbrauchs: "Es wäre naiv zu denken, dass wir vor Missbrauch sicher wären, wenn wir nur den Zölibat über Bord werfen." Ähnlich denkt die Mehrheit der deutschen Bischofskonferenz, weil sie befürchtet, dass der Zölibat – wenn freigegeben – als Lebensform gänzlich verschwinden würde, zumindest in den westlich-demokratischen Gesellschaften. Mutig und laut stellt sich gegen diese Konferenz-Mehrheit jedoch der Mainzer Bischof Kohlgraf und mahnt: "Die Zeiten, da Bischöfe schalten und walten konnten, wie sie wollten, sind definitiv vorbei."

Das ist eine Steilvorlage für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), das die 24 Millionen katholischen Gläubigen in Deutschland vertritt. Bereits im November verlangte das ZdK die Abschaffung des Zölibats und fordert unentwegt Reformen: "Wenn sich in der nächsten Zeit nicht Entscheidendes tut, dann wird das verloren gegangene Vertrauen nicht zurückzugewinnen sein."

Ehrlich und lauter lässt sich über das Für und Wider zum Zölibat ohne religiöse Überzeugung freilich nicht wirklich streiten. Einer, der die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" konsequent verteidigt, ist der Freiburger Theologieprofessor Klaus Baumann. In einem Aufsatz mit dem Titel "Wer es fassen kann" schreibt er über die "selbstgewählte Ehelosigkeit" als wertvolle Lebensform, die derzeit einer "aggressiven Ablehnung" ausgesetzt sei.

Allerdings lohnt es sich, der Argumentation Baumanns zu folgen: Noch im Alten Testament, schreibt er, wurde die Ehelosigkeit, als "Unglück und Hindernis zu einem erfüllten Leben"empfunden. Jesus hingegen und nur einige seiner Jünger hätten sich für diese Lebensform frei entschieden. Somit könne es Menschen geben, die die "Liebe Gottes" so erfüllt, dass daneben irdisches Glück dank Besitz, Macht, Ehe und Familie verblasse. Gottes Verheißung könne für Einzelne so bedeutend werden, dass tatsächlich ein radikales Engagement im Dienste Gottes möglich wird. Dieses Charisma sei aber nur wenigen gegeben, und Baumann zitiert aus dem 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums: "Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Wer das erfassen kann, der erfasse es."

Wen dies überzeugt, der kann gar nicht anders, als über das Pflichtzölibat der katholischen Kirche zu erschrecken. Denn wie kann eigentlich die Kirche von allen ihren Priestern verlangen, dass sie das Mysterium eines solchen Charismas erfassen? Die wirklich freie Entscheidung für den Zölibat ist laut Baumann von einer so großartigen einsamen Kostbarkeit, dass sie Massenhaftigkeit fast nicht verträgt. Und Baumann erteilt falschen Prädispositionen zum ehelosen Priestertum ausdrücklich eine Absage: "Schwärmerische oder pessimistische, leibes-, sexualitäts- und kinderfeindliche Eheabstinenz werden im Neuen Testament scharf zurückgewiesen."

Der Regens des Freiburger Priesterseminars, Christian Hess, indes sagt, die Kirche und vor allem sein Haus verspüre keine Anfechtung durch die aktuelle Debatte: "Wir versuchen, die jungen Menschen, die sich für diesen Weg entschieden haben, verantwortungsvoll zu begleiten." Dabei bleibt aber gerade die Freiheit ungeklärt, solange das katholische Priestertum für Tausende und Abertausende Männer weltweit an das Pflichtzölibat gekoppelt bleibt.

Können es so viele wirklich "fassen"? Nicht nur der Priestermangel wird in vielen Ländern akuter, die Zahl der aufgebenden Kleriker ist groß. Unlängst stellte sich in einer katholischen Gemeinde im Elztal ein 47-jähriger katholischer Pfarrer vor seine Gläubigen und entschuldigte sich dafür, dass er den Zölibat nicht mehr leben könne. Wie viel Respekt verdient eigentlich ein Mensch, der sich einem Doppelleben verweigert? Denn das offensichtlich auferzwungene Doppelleben der Kleriker ist das Elend des Zölibats, und die zahlreichen Missbrauchsfälle bilden den tiefsten Abgrund eines Lebens in gnadenloser und keineswegs charismatischer, freigewählter Enthaltsamkeit.

Als an diesem Wochenende Erzbischof Burger in seiner Eröffnungsrede zur Pastoralkonferenz sinngemäß sagte, in der Erzdiözese brauche es Strukturveränderungen, egal wie die Zölibatsdebatte ausgehen mag, dürften einige Teilnehmer enttäuscht gewesen sein. Denn auch das von vielen so gewünschte Priestertum der Frau ist dort kein Thema. Dennoch schrieb dieser Tage die Waldkircher Diplom-Theologin Dorothea Scherle an den Sonntag : "Es ist ein Trauerspiel, dass die katholische Kirche es immer noch nicht fertigbringt, Frauen zu weihen, und stattdessen lieber ihre Amtstheologie bis zum Gehtnichtmehr aushöhlt, auf Kosten der Gemeinden und damit der Menschen, die mit Mammutstrukturen leben müssen."

Um im Duktus des Trierer Bischofs zu bleiben: Es wäre sehr naiv zu glauben, die Abschaffung des Pflichtzölibats und das Priestertum der Frau würden die Krise der Kirche beenden. Denn diese reicht viel tiefer. Doch die verweigerten Reformen sind der Nährboden für die verloren gehende Resonanz der christlichen Botschaft in der zeitgenössischen Gesellschaft. Und dass Ehen der Priester und Priesterinnen nicht auch in großer Zahl scheitern würden, kann niemand garantieren. "Aber", so der Freiburger Theologe Magnus Striet, "die Sexualmoral der Kirche muss sich dann der Wirklichkeit annähern."

Wenig spricht dafür, dass sich dies bald erfüllt. Schon die deutschen Bischöfe wehren sich. Gäbe es jedoch Konsens für Reformen, wären die deutschen Katholiken in der Weltkirche wahrscheinlich ohne viele Mitstreiter. Der Verzicht auf das "klerikale Sonderbewusstsein", das Thierse fordert, scheint für die katholische Kirche ein zu großes Opfer.