Opfer

Missbraucht im katholischen Kinderheim Bad Säckingen

Sebastian Kaiser

Von Sebastian Kaiser

Sa, 13. Dezember 2014 um 00:00 Uhr

Südwest

1960 wurde Bernhard Lorenz in einem katholischen Heim in Bad Säckingen missbraucht. Die Spurensuche ist ein Ringen mit der Kirche um Wahrheit, Haltung – und Geld.

Bernhard Lorenz ist wütend. Wütend auf die katholische Kirche. Wütend auf eine Institution, die eigentlich für ihn sorgen sollte – tatsächlich aber wegsah. Denn Bernhard Lorenz ist Heimkind. Er ist im Kinderheim St. Fridolin in Bad Säckingen aufgewachsen. Er ist eines von 185 anerkannten Missbrauchsopfern im Erzbistum Freiburg. Für das, was ihm damals widerfahren ist, ist der 68-Jährige mit 7000 Euro entschädigt worden. Doch bis heute fühlt er sich im Stich gelassen. Von seinem Peiniger fehlt jede Spur – die Ereignisse von damals lassen sich nur noch schwer rekonstruieren. Es ist eine Suche voller Widersprüchlichkeiten, bei der die Wahrheit verschwimmt. Wie kann das sein?

Ein Treffen mit Bernhard Lorenz in diesem Herbst. Er hat eine Mappe mitgebracht, er verwahrt seine Unterlagen sorgfältig. Briefe, Urkunden, Fotos – alles, was seine Zeit im Kinderheim St. Fridolin in Bad Säckingen betrifft, hat er akkurat abgeheftet. Bernhard Lorenz heißt nicht wirklich so – er möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht. Vorsichtig zieht er ein Schwarz-Weiß-Foto aus einer durchsichtigen Folie. Es ist eines dieser typischen Klassenbilder aus den fünfziger Jahren. Saubere Schuhe, gescheitelte Köpfe. Die Jungs auf dem Bild sehen fröhlich aus. In der hintersten Reihe stehen zwei Ordensschwestern.

Von der Mutter verstoßen
Lorenz wird nachdenklich. "Das da vorne bin ich", sagt er und deutet mit dem Zeigefinger auf einen etwa zehnjährigen, schmächtigen Jungen mit dunklen Haaren, der in der ersten Reihe sitzt. Die Hände liegen brav auf dem Schoß. Die Ähnlichkeit ist auch nach all den Jahren noch auffällig – trotz Bartstoppeln und Falten, die sich in sein Gesicht gegraben haben. Der Junge von damals hat brav zurecht gekämmtes Haar, trägt kurze Hosen und lächelt schüchtern. Heute sind seine Haare ergraut. Der erwachsene Bernhard Lorenz trägt eine dunkle Lederjacke und fährt einen Motorroller.

Was das Bild jedoch nicht zeigt, ist das, was sich hinter den Mauern von St. Fridolin abgespielt hat. Was er damals erlebt hat, hat ihn geprägt – vielleicht auch traumatisiert. So genau scheint er diese Frage für sich selbst nach all den Jahren noch immer nicht beantwortet zu haben. "Der eine kommt mit so etwas besser zurecht, der andere schlechter", sagt Lorenz. Abgeschlossen hat er mit seiner Heimvergangenheit jedenfalls bis heute nicht. "Ich kann meiner Mutter noch immer nicht verzeihen, dass sie mich damals abgegeben hat", sagt er. "Sie selbst wollte bis zu ihrem Tod nie mit mir darüber reden."

Die Leidensgeschichte beginnt gleich nach der Geburt
Dass ein Bub wie Bernhard Lorenz in einem Kinderheim landet, lässt sich aus heutiger Sicht kaum verstehen. Doch ...

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