Protest in roten Oberteilen

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 29. September 2019

Südwest

Der Sonntag Reformwillige Priester im Erzbistum Freiburg solidarisieren sich mit Initiative "Maria 2.0".

Wagt die katholische Kirche nun endlich den Aufbruch zu echten Reformen? Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und die Initiative "Maria 2.0" sind selbstbewusst und zuversichtlich. Im Erzbistum Freiburg haben sich bereits 137 Priester und Diakone mit ihnen solidarisiert.

"Wir sind voller Energie und wir bieten den Bischöfen an, als Partnerinnen mit ihnen die Kirche der Zukunft zu gestalten", sagt Eveline Viernickel, die zusammen mit anderen Frauen der Maria-Magdalena-Gemeinde im Freiburger Stadtteil Rieselfeld die hiesige Ortsgruppe der bundesweiten Initiative "Maria 2.0" gegründet hat. Zu ihren Forderungen gehören der Zugang von Frauen zu allen Weiheämtern, die Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester und die Abschaffung jener Strukturen, die sexuellen und geistlichen Missbrauch begünstigen. Allen Traditionen zum Trotz: "Es gibt theologisch keinen Grund, warum Frauen kein Priesteramt übernehmen können", ist Eveline Viernickel überzeugt. Jesus Chritus habe Liebe und Freiheit gelebt und gelehrt – und das schließe Diskriminierung aus.

Dass Reformen dringend nottun, wenn die Kirche ihre tiefe Existenzkrise überwinden will, ist für die Mehrheit der deutschen Bischöfe ein Jahr nach Veröffentlichung der großen Studie zum Missbrauch durch Geistliche und dessen Vertuschung offenkundig. Bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz diese Woche in Fulda haben sie nun beschlossen, gemeinsam mit den Laien im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen "Synodalen Weg" zu beschreiten. In dem Reformprozess – der eine Synode, die vom Papst einberufen werden müsste, vermeidet und doch verbindliche Ergebnisse liefern will – stehen vier Themen im Fokus: Pflichtzölibat, Sexualmoral, Machtfragen und die Rolle der Frauen in der Kirche.

Vom Vatikan ermahnt, ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, Alleingänge zu vermeiden, und zudem untereinander alles andere als einig, stehen die Bischöfe vor einer schwierigen Aufgabe. Die Frage, ob sie gelingen kann, beantworten führende Freiburger Theologieprofessoren ganz unterschiedlich. "Es ist ein Zerreißprozess", sagt der Fundamentaltheologe Magnus Striet skeptisch und mit Sorge. Keine Chance sehe er beim Frauenpriestertum, beim Zölibat hingegen seien Ausnahmen denkbar, auch bei der Akzeptanz homosexueller Partnerschaften und einer Gewaltenteilung in der Kirche sei Bewegung möglich, meint Striet, der Mitglied der Kommission "Macht und Missbrauch" im Erzbistum ist. Doch auch wenn die Bischofskonferenz sich einigen sollte: "Jeder reformwillige Bischof weiß, dass er an der Weltkirche scheitern wird." Der einzige Ausweg bestünde darin, dass Papst Franziskus die Ortskirchen freigibt – was wenig wahrscheinlich sei.

Erzbischof bekennt sich zum "Synodalen Weg"

Genau damit jedoch rechnet der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff fest und beruft sich dabei auf Franziskus’ eigene Worte: "Der Papst hat die Ortskirchen aufgefordert, mutige Wege zu gehen – er wartet jetzt darauf, dass wir ihm Vorschläge unterbreiten." Diese Ideen könnten erprobt werden und sich mit der Zeit weltweit durchsetzen, sagt Schockenhoff.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat sich Mitte September klar zum "Synodalen Weg" bekannt: "Für eine zukunftsfähige und lebendige Kirche (...) braucht es den Dialog mit den unterschiedlichen – auch kritischen – Stimmen", sagte er. Er traf sich mit den Frauen von "Maria 2.0" und sagte ihnen zu, ihre Anliegen bei der Bischofskonferenz einzubringen. Nach der Vollversammlung wollte er sich auf Anfrage dann aber nicht äußern.

"Unser Erzbischof ist keiner, der voranprescht, aber auch keiner, der blockiert, wenn Veränderungen möglich sind", sagt Martina Kastner. Die 58-Jährige ist Vorsitzende des Diözesanrats im Erzbistum Freiburg und eine von drei Freiburger Delegierten im ZdK. Den "Synodalen Weg" betritt sie mit Schwung und Zuversicht. Nach einem halben Leben in der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands habe sie mehrfach erlebt, dass Wandel gelingen kann. Sie erzählt vom Kampf um die vom damaligen Papst verbotene Schwangerenkonfliktberatung, die 1999 zur Gründung von "Donum Vitae" führte. Dass man derart "gebrandmarkt wird, obwohl man nur seinem Gewissen folgt", sei heute nicht mehr denkbar.

"Wir brauchen ein Umdenken", sagt Peter Neher, Präsident des katholischen Deutschen Caritasverbandes mit Sitz in Freiburg. Um wieder glaubwürdig zu werden, müsse die Kirche die Kluft zwischen ihrer Lehre und der Wirklichkeit der Menschen überbrücken, in der sich Unverheiratete und Homosexuelle nicht mehr wegen ihrer Lebensweise abwerten lassen wollen. Zugleich warnt er vor zu hohen Erwartungen – so heikle Themen könnten kaum im deutschen Alleingang entschieden werden.

Die Frauen von "Maria 2.0" hoffen, dass ihre Initiative zum Motor für den gesamten Reformprozess wird. ",Maria 2.0’ hat einen Nerv getroffen, auch wenn die Forderungen nicht neu sind", sagt Martina Kastner. Der Freiburger Priester Konrad Irslinger hat bereits im Juli eine Solidaritätsaktion für "Maria 2.0" im Internet gestartet, der sich bis gestern 137 Geistliche aus dem ganzen Erzbistum angeschlossen haben. Pfarrer aus Emmendingen, Waldkirch, Ballrechten-Dottingen, Lörrach und Rheinfelden sind ebenso darunter wie der prominente Jesuit Klaus Mertes; auch Eberhard Schockenhoff hat unterzeichnet. "Wir erwarten, dass alle von der Initiative benannten Themen von den Bischöfen ernst genommen und aufgegriffen werden", schreiben die Initiatoren. "Maria 2.0" will bis Mai jeden Sonntag auf dem Münsterplatz präsent sein. "Wir sind bereits Tausende und wir wachsen weiter", sagt Eveline Viernickel. Seniorinnen seien darunter, Studentinnen und aus der Kirche Ausgetretene, die nun zurückkehren wollen. Für den 6. Oktober ruft Viernickel zur Teilnahme am Vespergottesdienst zur Einführung des neuen Freiburger Dekans um 17.30 Uhr im Münster auf – in roten Oberteilen: "Wir wollen nicht stören, aber wir wollen dabei und sichtbar sein."