Bauvorhaben

Sind Konflikte mit dem Artenschutz vermeidbar?

Roland Böhm /Stefan Hupka

Von Roland Böhm (dpa)/Stefan Hupka

Mi, 20. April 2016 um 00:01 Uhr

Südwest

Gelbbauchunke, Juchtenkäfer, Wachtelkönig: Je schräger der Name, desto lieber mokiert sich das Publikum über Artenschutz – zu Unrecht, sagen die Artenschützer.

Die Unke kommt über Nacht. Im Nu hat sie ihren Laich in die regenwassergefüllte Reifenspur eines schweren Radladers gelegt. Die Folge: Dieser Teil des Steinbruchs steht erst mal still. Das Gesetz will es so. Und es will auch, dass die Bahn beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 nur dort baut, wo sie sich zuvor gebührend um gut zehntausend Mauer- und Zauneidechsen gekümmert hat, die dort leben. Und das, obwohl die Bahn doch schon Ärger mit dem Juchtenkäfer im Stuttgarter Schlossgarten hatte.

Im teuersten Fall, klagt die Bahn, habe die Umsiedlung einer Eidechse 8599 Euro gekostet. 15 Millionen müsse man insgesamt dafür ausgeben. Die Fürsorge für die Schuppenkriechtiere werde das Gesamtprojekt verzögern. "Vorgeschoben", wettern Naturschützer wie Gerhard Pfeifer vom BUND. Die Bahn wolle von anderen Verzögerungen ablenken.

Sündenbock Eidechse? Nicht allein. Auch der Feldhamster hat schon Bagger gestoppt, etwa für die SAP-Arena bei Mannheim. In Freiburg stand die seltene braunfleckige Beißschrecke, obwohl sie trockenes Ödland liebt, einer Verlängerung der Flugplatzpiste entgegen. Der Wachtelkönig trotzte einem Bau in Hamburg. Auf dem Rosskopf müssen vier Windkraftanlagen stundenweise anhalten, damit Zwergfledermäuse an Sommerabenden von ihren Schwarzwaldausflügen wieder heil ins Freiburger Münster kommen; "Fledermausmanagement" nennt sich das. Und weil deren Artgenossen bei Blumberg im Winter in Tunneln hängen, darf die Sauschwänzlebahn nur im Sommer hindurchfahren.

Dabei ließen sich Konflikte zwischen Artenschutz und Infrastruktur verhindern, wenn der Bauherr zeitig daran denke, sagt Andre Baumann, Landeschef des Naturschutzbundes Nabu. Sich über Artenschutz lustig und Tiere zu Sündenböcken zu machen, funktioniere nicht mehr. Die Gesetze seien scharfe Schwerter. Umfragen zeigten, dass Artenerhalt den Deutschen wichtig sei. "Ein Brief, und ich habe einen Baustopp."

Zauneidechsen stehen nun mal auf der Roten Liste, heißt es beim BUND, und somit auf Augenhöhe mit Braunbär und Steinadler. "Ein Sowohl-als-auch ist oft möglich", sagt Baumann. Der Schutz des Rotmilans sei ebenso möglich wie der Ausbau der Windkraft. Die Vorgaben in der Naturschutzrichtlinie FFH der EU sind aus Sicht des Nabu so flexibel, dass es keine Konflikte zwischen Artenschutz, Bauherr und Industrie geben muss. Heidelberg Cement etwa nutze den Schutz der Gelbbauchunke inzwischen für die Imagepflege. "Viele Steinbrüche sind wahre Hotspots der biologischen Vielfalt", jubelt Baumann. Laut Nabu ist es kein Problem, etwa dem Wanderfalken neue Nistplätze anzubieten, bevor ein neuer Steinbruch gesprengt wird.

Ganz so einfach sei es aber nicht, meint die Bahn. Ihr Problem mit Eidechsen habe man durch frühzeitiges Kümmern eben nicht verhindern können, beteuert S-21-Sprecher Jörg Hamann. Dass die Eidechsenpopulation am Alpvorlandtunnel so schnell gewachsen sei, habe niemand ahnen können. Jetzt muss der Planfeststellungsbeschluss geändert werden.

"Wenn man nach einem mehrjährigen Genehmigungsverfahren einen Planfeststellungsbeschluss und Baurecht erhält, dann aber erneut in ein Genehmigungsverfahren gehen muss, dann zeigt das, dass die Genehmigungsverfahren bei Weitem zu lang sind und eine Endlosschleife droht", sagt Hamann. Drei, vier Monate habe man jetzt schon verloren.

Auch bei der geplanten Wiederbelebung der Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und der Region Stuttgart droht ein Konflikt mit dem Artenschutz: Ein seit 30 Jahren nicht mehr genutzter Bahntunnel bei Hirsau, durch den Ende 2018 wieder Züge rollen sollen, ist Heimat von 7000 Fledermäusen. Vorschläge zur Lösung des Konflikts zwischen dem Artenschutz und dem "tollen Nahverkehrsprojekt" seien vom Landratsamt Calw abgelehnt worden, berichtet Baumann. Dort heißt es, Tempo 30 im Tunnel mache das Projekt unwirtschaftlich. Denn dann müsste ein drittes Fahrzeug angeschafft werden, rechnet der Projektbeauftragte Michael Stierle in Calw vor. Man baue darauf, alte Bunkerstollen zu öffnen und die Fledermäuse im Tunnel zu vergrämen, damit sie sich andere Winterquartiere suchen. "Wir haben ja noch zwei Winter Zeit."

Was im Konsens möglich ist, zeigt die gute Zusammenarbeit der Artenschützer mit dem Industrieverband Steine und Erden. "Ohne Rohstoffe geht es nicht, ohne Naturschutz aber auch nicht", sagt Landesgeschäftsführer und Biologe Thomas Beißwenger. In jedem der 500 Steinbrüche gebe es geschützte Arten. Da Planungen für ein Abbaugebiet zwölf Jahre dauerten, bleibt laut Beißwenger genug Zeit, Tiere umzusiedeln. Vieles gehe im Konsens. Doch wer das Thema überbewerte, tue letztlich dem Artenschutz auch keinen Gefallen, weil das Verständnis verloren gehe. "Da rate ich zu mehr Gelassenheit."