Corona-Lesergeschichten

Vier Mal nahm ich Abschied von meinem an Covid-19 sterbenden Vater

Anna Johner aus Freiburg

Von Anna Johner aus Freiburg

Mo, 22. Juni 2020 um 12:09 Uhr

Südwest

Mein Vater infizierte sich in seinem Pflegeheim mit dem Coronavirus. Vier Mal stand er kurz vor dem Tod. Am Ende konnte ich immerhin bei ihm sein. Doch das Sterben hat eine neue Bedeutung bekommen.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Anna Johner, 38 Jahre, aus Freiburg.

Mein Vater starb mit 67 Jahren in einem Freiburger Krankenhaus an Covid-19. Infiziert hatte er sich in dem Pflegeheim, in dem er seit rund eineinhalb Jahren war. Der Weg bis zu seinem tatsächlichen Todestag war unglaublich anstrengend, verwirrend, traurig und zermürbend für uns Angehörige.

Angefangen mit der Ungewissheit, wann das Virus im Pflegeheim ankommt und den etlichen Anrufen dort, um herauszufinden, ob sich mein Vater angesteckt hat. Dann der Entscheidung auf ärztlichen Rat hin, ihn nicht mehr beatmen zu lassen. Den widersprüchlichen Informationen seitens der Klinik, bis hin zu der Entscheidung, wer von uns drei Geschwistern bei ihm sein darf, wenn es dann "soweit" ist. Einer meiner Brüder sollte es sein.

Insgesamt war mein Bruder dann vier Mal in der Klinik bei unserem sterbenden Vater. Drei Mal wurde die Situation von diensthabenden Ärzten falsch eingeschätzt. Drei Mal die Entscheidung, ob er beatmet werden soll. "Ihr Bruder soll schnell kommen, ihr Vater hat Angst, sogar Panik." Doch er starb nicht. Hilflosigkeit und Verzweiflung stellten sich bei mir ein.

Vier Mal nahmen wir schweren Herzens Abschied, aber erst beim vierten Mal war es dann wirklich soweit. "Kommen sie schnell, die Atempausen werden länger. Es kann jetzt sehr schnell gehen." Nach vielen Zufällen und einigen Diskussionen konnte dann aber auch ich an der Seite unseres Vaters sein, als er ging. Ihm die Hand halten und die Angst nehmen.

Wie wichtig unsere Anwesenheit sowohl für ihn als auch für mich war, wurde mir erst später wirklich bewusst. Dass es so gekommen ist, war ein Geschenk. An dem Abend, als er starb, waren wir alleine mit ihm im Zimmer. Dass uns niemand beistand, kann ich bis heute nicht verstehen. Das Sterben hat eine neue Bedeutung in dieser Zeit bekommen. Es fühlt sich einsamer und verzweifelter an. Die Umstände hinterlassen in mir immer noch so viele Fragezeichen, dass ich Mühe habe, die Geschichte richtig zu verarbeiten.