Supermärkte bieten Lieferdienste an

Tamara Keller und dpa

Von Tamara Keller & dpa

Do, 26. März 2020

Südwest

In Südbaden verzichten Märkte aber auf gesonderte Öffnungszeiten nur für Risikogruppen.

FREIBURG/STUTTGART. Es ist sieben Uhr, ein Mann mit Mundschutz schiebt seinen Rollator vor sich her und nimmt Kurs auf den Eingang eines Supermarktes in Stuttgart. Der Markt hat zu dieser Zeit exklusiv nur für "Rentner, Rollstuhlfahrer und andere Personen mit Handicap" geöffnet, wie ein Schild am Eingang hinweist. Sieben ehrenamtliche Helfer unterstützen die Aktion: Sie achten auf Hygienevorschriften, den Abstand zwischen Kunden und helfen bei den Einkäufen. Das Modell soll Corona-Risikopatienten ihre Selbstständigkeit zurückgeben.

"Uns ist das Modell von zwei Supermärkten in Stuttgart bekannt", sagt Peter Spindler, Rechtsanwalt und Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Südbaden. Im Ausland gibt es in Nordirland, Norwegen und Australien ähnliche Aktionen. Bislang zeigen sich die Supermarktketten in Deutschland und auch in Südbaden aber zögerlich: "Es ist nicht geplant, die Öffnungszeiten unserer Märkte zu verändern", teilt ein Sprecher von Edeka Südbaden mit.

Aldi Süd plant ebenfalls keine gesonderten Öffnungszeiten für Senioren. Auch dem Handelsverband Südbaden ist bisher kein Laden bekannt, der nach diesem Prinzip handele. "Aus unserer Sicht sollte dieses Modell nicht unbedingt empfohlen werden", sagt Spindler. "Aus dem Schutzgedanken heraus wäre es besser, gerade diese Gruppe ließe sich von Nachbarn und der Familie helfen und strömt nicht in die Läden", so Spindler. Zudem sei der Lebensmittelhandel derzeit so beschäftigt, dass es schwer sei, noch spezielle Ladenzeiten anzubieten.

Diesen Eindruck bestätigt auch Dieter Schneider, Geschäftsführer der Rewe-Supermärkte im Freiburger Umland: "Wir haben alle Hände voll zu tun, das Notwendigste zu bewältigen. 40 Prozent unserer Mitarbeiter fallen aus, weil sie jetzt ihre Kinder zuhause haben." Die Läden hätten aber zu ihren normalen Öffnungszeiten von sieben bis 22 Uhr geöffnet. Senioren oder Menschen der Risikogruppe im Freiburger Umland würde er empfehlen, mittags zu kommen. "Zwischen zwei und drei Uhr ist die Idealzeit, da ist es besonders ruhig", sagt er.

Als weitere Möglichkeit bieten seine Märkte bereits einen Abholservice an. Die Ware kann vorab online bestellt werden und in einem separaten Raum im Markt abgeholt und bargeldlos bezahlt werden. "Aktuell arbeiten wir daran, ab einem bestimmten Bestellwert das Ganze in einen Bringservice umzuwandeln", sagt Schneider. Gemeinsam mit drei anderen Firmen steckt er in der Planung für einen Bringdienst, um die Ware so bald wie möglich auszufahren.

Bei den Märkten von Dieter Hieber wird dieses Modell bereits seit vergangenem Montag praktiziert: Gemeinsam mit dem Roten Kreuz wurde ein Lieferdienst organisiert. Viele soziale Einrichtungen, aber auch Privatpersonen hätten sich bei dem Supermarkt gemeldet und ihre Hilfe angeboten. "Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Es ist schön, zu sehen, wie die Menschen zusammenrücken."

Über extra Ladenzeiten für Senioren und Menschen der Risikogruppe hat der Hieber-Geschäftsführer lange nachgedacht. "Für eine feste Ladenzeit nur für die Risikogruppe entschied sich Hieber schlussendlich nicht: "Wir haben aktuell eine sehr ruhige Lage und keine Stoßzeiten, zu denen es irgendwie kritisch vom Andrang her wäre", sagt Dieter Hieber. Das habe vor zwei Wochen noch ganz anders ausgesehen. Laut dem Geschäftsführer ist im Landkreis Lörrach das Ausbleiben der Schweizer Nachbarn deutlich zu spüren. Solange es so ruhig bleibt, sieht er keinen Handlungsbedarf. "Sollte sich die Situation aber ändern, werden wir sofort handeln und extra Ladenzeiten einführen", sagt Hieber.