Heißes Eisen

Tempo 80 auf Landstraßen würde gegen tödliche Unfälle helfen

Julia Jacob

Von Julia Jacob

So, 14. Juli 2019 um 15:33 Uhr

Südwest

Der Sonntag Die Landstraße ist ein gefährliches Pflaster. Hier werden die meisten Unfalltoten gezählt. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat fordert nun ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern. Ein heißes Eisen: In Frankreich ist man trotz Erfolgsbilanz nach einem Jahr wieder zurückgerudert.

Die Unfallstatistik, die das Statistische Bundesamt gerade vorgelegt hat, weist die Landstraße als größte Gefahrenzone aus: 57 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle ereigneten sich 2018 auf Strecken zwischen Ortschaften. Neben der hohen Geschwindigkeit gelten die Straßen als riskant wegen "fehlender Trennung zum Gegenverkehr, schlechter Überholmöglichkeiten, Kreuzungen oder ungeschützter Hindernisse wie Bäume neben der Fahrbahn."

Insgesamt kamen im vergangenen Jahr 3 275 Menschen im Verkehr ums Leben, 396 000 wurden verletzt. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer stieg im Vergleich zu 2010 um 16,8 Prozent. Für alle, die im Bereich der Verkehrssicherheit arbeiten, sei diese Bilanz mehr als unbefriedigend, kommentiert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat die am Dienstag veröffentlichten Zahlen – und schlägt ein Tempolimit vor: 80 Stundenkilometer außerorts statt der bisherigen 100.

Frankreich hat das erfolgreich vorgemacht. 2018 setzte die Regierung Macron gegen massiven Protest von Automobilverbänden und Bürgern auf 400 000 Kilometern Landstraße ein Tempolimit durch, nachdem die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2016 auf 3 500 geschnellt war. Alleine im zweiten Halbjahr 2018 bewirkte die Maßnahme einen Rückgang der Verkehrstoten um 5,3 Prozent. Verkehrsministerin Elisabeth Borne sprach von 127 Unfallopfern, die es aufgrund des Tempolimits weniger zu beklagen gäbe.

Frankreich: Weniger Unfälle, politisches Fiasko

Der verkehrspolitische Erfolg wurde aber zum politischen Fiasko – immerhin hat das Tempolimit die Gelbwestenbewegung mit ausgelöst. Im Juni diesen Jahres, kein Jahr nach der Einführung der Begrenzung, ruderte die Regierung zurück. Städten und Départements ist es nun selbst überlassen, auf ihren "Routes nationales" zu 90 Stundenkilometern zurückzukehren.

Auch in Deutschland ist der Aufschrei traditionell groß, wenn es um das Tempolimit geht. Alle Versuche, sie auf Autobahnen durchzusetzen, scheiterten. Den jüngsten Vorstoß einer internen Arbeitsgruppe, die Tempo 130 forderte, bügelte Regierungssprecher Steffen Seibert im Januar mit der Begründung ab, es gebe intelligentere Steuerungsmöglichkeiten. Zudem stehe ein Tempolimit nicht im Koalitionsvertrag.



Kaum vorzustellen, wie eine Debatte aussehen würde, die auch die Landstraße ins Visier nimmt. Dabei hat sich die Bundesregierung selbst ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Bis 2020 soll die Zahl der Verkehrstoten im Vergleich zu 2011 um 40 Prozent zurückgehen. Helfen sollen unter anderem intelligente Assistenzsysteme. Auch die EU fordert von den Herstellern, solche Systeme serienmäßig zu verbauen. Von Tempolimits hingegen ist keine Rede. Dabei gilt überhöhte Geschwindigkeit als Unfallursache Nummer eins, wie ein Sprecher des Landesverkehrsministeriums bestätigt.

"Durch eine generelle Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf 90 oder 80 Stundenkilometer kann die Zahl der getöteten VerkehrsteilnehmerInnen auf diesen Straßen deutlich reduziert werden." Dafür sei allerdings der Bund zuständig.

Schuster verweist auf ADAC und ist gegen Tempolimit

Der Lörracher Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU) verweist auf die "Vision Zero", die sich der Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt hat: "Jeder Getötete im Straßenverkehr ist einer zu viel." Die größten Reduktionspotenziale sehe er für die nächsten Jahre neben mehr Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger innerorts auf den Landstraßen. Schuster setzt auf intelligente Steuerungsmöglichkeiten sowie auf "gezielte Geschwindigkeitsbegrenzungen". Von einem Tempolimit halte er hingegen nichts und verweist auf Angaben des Autofahrerclubs ADAC.

Demnach "ereignen sich auf Abschnitten ohne Tempolimit nicht mehr Unfälle als auf Strecken mit Geschwindigkeitsbegrenzung". Auf Nachfrage erklärt der ADAC Südbaden zwar, dass sich das Tempo auf der Landstraße "besonders deutlich auf Unfallhäufigkeit und Unfallschwere" auswirke und Autofahrer die Höchstgeschwindigkeit oft als Mindestgeschwindigkeit interpretieren. Generell Tempo 80 sei aber "unverhältnismäßig".

Schusters SPD-Kollege Johannes Fechner aus Emmendingen unterstützt dagegen den Deutschen Verkehrsgerichtstag: Tempo 100 nur noch auf gut ausgebauten, Tempo 80 "auf schmalen, kurvigen Landstraßen". Als Erfolg sieht er die 2018 verschärfte Gesetzeslage: Wer mit nicht angepasster Geschwindigkeit grob verkehrswidrig fährt, könne nun mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden. Nötig sei aber auch eine effektivere Tempoüberwachung.

Allgemein wirken die Strafen für Temposünder in Deutschland freilich zaghaft, wenn man sie mit den Nachbarn vergleicht. Wer hierzulande die Geschwindigkeit auf Landstraßen um 16 bis 20 Stundenkilometer überschreitet, muss 30 Euro zahlen. In Frankreich ist dafür das Fünffache fällig, in der Schweiz sogar fast das Achtfache: rund 220 Euro. Ab einer Übertretung von 30 Stundenkilometern drohen in der Schweiz mindestens 20 000 Euro Buße, außerdem Gefängnis. Seit 2010 ist die Zahl der Todesopfer auf den Straßen dort um 61 Prozent zurückgegangen. Die Verschärfungen des "Via Secura"-Programms gelten seit 2014 – bis 2016 sanken Unfälle mit Todesfolge um zehn Prozent, 2018 stiegen die Zahlen aber wieder leicht an. Überdurchschnittlich stark stiegen dabei übrigens tödliche Unfälle mit E-Bikes.