Vor der Premiere

Wie Dominique Mentha an "Pelléas et Mélisande" herangeht

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 21. Mai 2019 um 20:00 Uhr

Theater

"Pelléas et Mélisande" ist "eine Oper, die viel Geduld braucht". Sagt Dominique Mentha, der Claude Debussys Werk erstmals inszeniert. Ein Gespräch vor der Premiere am Freiburger Theater.

Optimismus ist kein Dauerzustand, manchmal entwickelt er sich auch erst. Im Laufe des Gesprächs mit dem Journalisten scheint er in Dominique Mentha zu wachsen. Aus dem anfänglichen "Ich möchte kein Pessimist sein" auf die Frage, wie er die Rolle des Theaters in der Zukunft beurteile, wird später ein zögerliches "Ja, doch, ich bin ein Optimist" und schließlich, überzeugt: "Ich bin Optimist." Optimismus bedarf nämlich auch des Nachdenkens.

Dominique Mentha gehört als Regisseur wohl nicht zu denen, die etwas überstürzen, mit der Tür ins Haus fallen. Dem 63-jährigen Schweizer merkt man bei der Probe zu Claude Debussys Meisterwerk "Pelléas et Mélisande" am Theater Freiburg so etwas wie eine positive Routine an. Mentha sitzt regungslos am Regietisch im Zuschauerraum, hört zu, schaut zu, unterbricht kaum, wartet, bis sich eine Zäsur ergibt, um dann Lagebesprechung zu machen oder einfach nachzujustieren. "Ich korrigiere mich", sagt er an Katharina Ruckgaber gewandt, die Darstellerin der Mélisande. "Wenn der Vorhang hochgeht, stehst du schon da." Das ist Theateralltag, Handwerk – unspektakulär. Aber auch notwendig im Hinblick auf das Ergebnis.

Die Vorlage ist von rätselhafter Deutlichkeit

Es ist das erste Mal, dass Mentha in Freiburg inszeniert, und es ist sein erster "Pelléas". Er habe das Werk gar nicht so oft auf der Bühne erlebt, sagt er mit Blick auf den aktuellen Boom zumal hier am Oberrhein, wo Debussys Oper binnen zwölf Monaten in Mannheim, Karlsruhe, Straßburg, Basel gegeben wurde. Und jetzt nun Freiburg. Dabei ist "Pelléas et Mélisande" ein schwieriges Werk – keines, das ein Massenpublikum anzieht. "Es ist eine Oper, die viel Geduld braucht", sucht Mentha das Stück zu charakterisieren. Ein Stück in "rätselhafter Deutlichkeit", mit vielen Vorgängen, "die gar nicht ausgesprochen sind".

An das Unausgesprochene soll seine Inszenierung anknüpfen, die auch etwas von einer Familienaufstellung habe. In der Tat handelt es sich um eine merkwürdige Familie: Golaud findet das verwirrte Mädchen Mélisande im Wald, heiratet es später; sein schwerkranker Vater, König Arkel, stimmt wenig froh zu. Als Mélisande Golauds Bruder Pelléas in der düsteren Umgebung des Schlosses kennenlernt, entwickelt sich eine nach und nach nicht mehr kontrollierbare Beziehung … Das der Oper zugrundeliegende Drama von Maurice Maeterlinck ist aufgeladen mit symbolistischen Details – Mentha spricht von "rätselhafter Deutlichkeit". Es gebe so viele Vorgänge in dieser Familie, "die gar nicht ausgesprochen sind".

Mentha hofft, dass seine Inszenierung einen Sog entwickelt, der das Publikum in die Oper hineinzieht, jenseits von zu viel offensichtlicher Theatralik. Der meditative Zug des Werks müsse spürbar sein. Die Frage, ob "Pelléas et Mélisande" als Oper die unfreiwillige Zwillingsschwester von Wagners "Tristan und Isolde" sei, bejaht der Schweizer Regisseur. "Aber die Betonung liegt auf unfreiwillig", ergänzt er schmunzelnd. Wobei ihm, Mentha, Debussy lieber sei als Wagner in seiner "Pseudotheatralik": "Ich habe nie einen Wagner inszeniert." Was etwas heißt, denn die Liste der inszenierten Werke des einstigen Schülers der Theatermagiers August Everding und späteren Intendanten an der Wiener Volksoper oder dem Theater Luzern ist lang; gerade auch dem Genre Operette schenkte Mentha viel Interesse.

Denn hintergründiger Humor entspricht seinem Wesen, das spürt man beim Gespräch. Auf die Frage nach den Grundgedanken seiner Freiburger Inszenierung erwidert er sibyllinisch: "Auf die Frage müsste ich eigentlich vorbereitet sein." Ist er dann auch. Alles wird fließen, es gibt keinen Umbau auf der offenen (Dreh-)Bühne. Und die lamellenartigen großen Wände der beiden Ausstatter Ingrid Erb und Sylvan Müller beleben symbolistisch die Räume mit den archaischen Topoi Wasser, Wald, Schloss. Ganz in Korrelation mit einer der schönsten – unendlichen – Musiken, die je für die Opernbühne geschaffen wurden. Der Freiburger Generalmusikdirektor Fabrice Bollon wird am Pult des Philharmonischen Orchesters stehen, in den vier zentralen Partien sind Katharina Ruckgaber (Mélisande), John Carpenter (Pelléas), Georg Festl (Golaud) und Jin Seok Lee (Arkel) zu erleben. Dass der Regisseur nicht gegen deren Bedürfnisse inszeniert, ist bei der Probe spürbar. Hat der Bariton Dominique Mentha doch einst selbst Gesang studiert. Weshalb er über das Stadttheater, das ihm so wichtig ist, sagt: "Sänger können in einer Stadt eine sehr starke Ausstrahlung entwickeln." Wohlan.

"Pelléas et Mélisande". Premiere am Samstag, 25. Mai, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Freiburg