TIPPS DE MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Fr, 30. April 2021

Literatur & Vorträge

Schlaues Verwirrspiel

Hilary Leichter: Die Hauptsache.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Gregor Runge. Arche Verlag, Zürich 2021. 254 Seiten, 20 Euro.

Sie hat einen koffeinsüchtigen Freund, einen agnostischen Freund, einen Sparfuchsfreund (und fünfzehn weitere), vertritt Vorstandsvorsitzende, Türen öffnende Gespenster, Schaufensterpuppen mit "Dessert-Augen", aussterbende Seepockenarten und befürchtet, das Dasein "einer dreckigen Kaffeetasse zu führen": Die befristet Beschäftigte sehnt sich danach, ihre wie im Kaleidoskop wechselnden Jobs gegen eine Dauerstellung einzutauschen. Sei es als Mutterersatz für einen grausamen Jungen oder als Aushilfe eines Mörders. Poetische Einfälle und groteske wechseln ab mit auf den Kopf gestellten Klischees in diesem schnellen, schlauen Verwirrspiel über das Leben in einer Zeit, in der Zahlen und Erscheinungsbilder an die Stelle von Menschen getreten sind. Ungnädige Sätze

Rumena Buzarovska: Mein Mann.
Stories. Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 169 Seiten, 22 Euro.

Sie lauern ihrem Mann auf, um ihn bei einer Verfehlung zu erwischen, bezeichnen ihre Rivalin als Nutte und lenken nach Auseinandersetzungen doch lieber ein: Denn wen man sich ausgesucht hat, sagen die Mütter, den muss man ertragen. Also löffeln sie die Suppe aus oder öffnen die Beine: Selten steht eine am Ende mit erhobenem Spaten da, bereit zuzuschlagen. Nein, besonders sympathisch sind die Frauen in Rumena Buzarovskas Erzählungen nicht: Aber das mit der Ehe und dem Mutterglück haben sie sich auch ganz anders vorgestellt. Und so fallen sie mit kurzen, ungnädigen Sätzen über alles her, was ihnen Verdruss bereitet. Sehr, sehr komisch, das Ganze, von einem Humor, als würde man barfuß über eiskalte Fliesen laufen: Und dabei holen sich Frauen oft eine Blasenentzündung. Verdammt geistreich

Jenny Offill: Wetter. Roman. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Piper Verlag, München 2021. 222 Seiten, 20 Euro.

Sie ist so mit den Bedürfnissen ihrer Mitmenschen befasst, dass ihre eigenen dabei ebenso zu kurz kommen wie ihr Mann und ihr Sohn: Doch hat Lizzie – in einer Zeit, in der die von Kapitalismus und Klimawandel befeuerte Katastrophe nur noch ein Fingerschnippen entfernt ist – überhaupt das Recht auf so etwas wie privates Glück und ein trautes Heim? Jenniy Offills Roman geht in Bruchstücken vor sich, eine mit Magneten an die Kühlschranktür geheftete Zettelwirtschaft aus Erlebnissen, Informationen, Gefühlspartikeln, Ratschlägen, Fragen. Ein Schildkrötenwitz ist auch darunter. Offill hat immer die passenden Sätze zur Hand, in abgezählten Worten, sie schafft es, verdammt geistreich zu sein, während sie davon erzählt, wie die Welt in den Abgrund trudelt.