Titisee-Neustadt

Verletztes Reh: Polizei will nicht schießen, Jäger setzt Kantholz ein

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Fr, 15. Februar 2019 um 18:30 Uhr

Titisee-Neustadt

Ist ein verletztes Reh grausam erschlagen worden oder unter den besonderen Umständen weitgehend waidgerecht von seinem Leiden erlöst worden? Diese Frage beschäftigt zwei Neustädter Familien und die Polizei.

Am frühen Dienstagnachmittag fand Christin Herrel das Wildtier im Hof von Haus Gutachstraße 8 liegend. Sie rief erst ihren Mann Benjamin und dann Vermieterin Angela Büche hinzu. Das Reh war an der Schulter verletzt, kam nicht mehr auf, versuchte aber, sich weiterzuschleppen, schildern Herrels und Büche die Situation.

Anrufe bei Forst und Feuerwehr schlugen Büche zufolge fehl, also rief sie die Polizei an. Das Revier kündigte eine Streife an, "und die sind ja auch gleich gekommen", sagt Büche. Kurz darauf seien zwei Männer in einem Auto des städtischen Bauhofs erschienen.

Vorwurf der Tierquälerei

Benjamin Herrel erzählt, wie sie von der Polizei ins Haus zurückgeschickt wurden, er aber vom Fenster aus gesehen habe, wie einer der Bauhofarbeiter einen "eckigen Balken" aus dem Auto geholt und "fünf, sechs Mal auf den Kopf" des verletzten Rehs eingeschlagen habe, bis "alles blutig" gewesen sei.

Herrel ist nach eigenen Angaben gelernter Tierpfleger, er gibt sich entsetzt über das Vorgehen. Die Männer hätten das erschlagene Tier in einen blauen Müllsack gepackt und auf die Ladefläche des Autos geladen. Er will gesehen haben, wie es im Sack noch zuckte, er vermutet, dass es da erst erstickte. Büche sagt, sie sei "fix und fertig" über eine Tierquälerei, die unter den Augen der Polizei geschehen sei.

Warum schoss die Polizei nicht?

Das will Revierleiter Clemens Winkler nicht stehen lassen. Er bestätigt den Vorgang an sich: Das Reh sei vermutlich angefahren worden und habe sich zu dem Haus geschleppt. Die Kollegen hätten keinen Jäger erreicht, sich aber erinnert an einen Bauhofmitarbeiter, der Jäger ist und eine Jagdpacht hat. Er sei zusammen mit einem Kollegen an die Gutachstraße gekommen und habe festgestellt, "da ist nichts mehr zu machen".

Die Hausbewohner seien weggeschickt worden, ja, aber nicht, um etwas zu vertuschen. Der Jäger habe ein Kantholz aus dem Auto geholt. Der Polizist habe nicht zugeschaut, aber zwei dumpfe Schläge gehört, das Tier sei sofort tot gewesen, eingepackt und entsorgt worden. Das Blut sei vorher schon dagewesen.

Warum die Polizei das Tier nicht erschossen hat? Winkler begründet das mit Vorsicht. Da waren die Bebauung und die Straße, und auf dem harten Boden habe die Gefahr eines Querschlägers bestanden, man hätte das leidende Tier beiseite zerren müssen. Es sei also darum gegangen, das verletzte Reh auf andere Weise möglichst schnell und schmerzlos zu töten. Der Jäger habe gewusst, was er tat.