"Trauern ist keine Krankheit"

Vanessa Dai

Von Vanessa Dai

Di, 01. Dezember 2020

Bad Säckingen

Klinikseelsorgerin begleitet Menschen, die Angehörige verloren haben – auch in Corona-Zeiten.

Der Trauermonat November ist jetzt zu Ende. Allerheiligen, Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag – dies sind Tage des Erinnerns an geliebte Menschen, die gestorben sind. Obwohl der Tod zum Leben gehört, scheint die Trauer nicht immer Platz in der Gesellschaft zu haben. Die Corona-Pandemie stelle Betroffene vor noch größere mentale Herausforderungen, sagt Anja Drechsle, diplomierte Klinikseelsorgerin und Trauerbegleiterin der Seelsorgeeinheit Bad Säckingen-Murg.

Oft bleibt nach dem Versterben des geliebten Menschen gar nicht genug Zeit, sich mit diesem Verlust auseinanderzusetzen. Zunächst stehen viele Behördengänge auf der Liste der zu erledigenden Dinge. Erst das Gespräch mit dem Trauerredner holt viele das erste Mal aus diesem Strudel der Formalitäten heraus.

Jetzt in der Pandemie verwehren Besuchsverbote und weitere Einschränkungen Familienmitgliedern den Zugang zu ihren Liebsten. Liegt eine geliebte Person im Sterben, gelten allerdings Ausnahmen. Doch verstirbt ein geliebter Mensch plötzlich, machen sich Angehörige oft schwere Vorwürfe, sich nicht ausreichend um ihn gekümmert zu haben – auch wegen der Besuchsverbote. "In solchen Situationen ist es wichtig, beizustehen und Kraft zu spenden", betont Drechsle. Der Tod dürfe nicht zum Tabuthema werden. Denn in der heutigen Zeit sterben Menschen oft nicht mehr zu Hause. So wird auch der Sterbebeistand an Fachpersonal abgegeben. Es sei daher wichtig, bereits Kinder mit dem Thema Tod vertraut zu machen. "Je nach Alter sollen diese auch mit zur Beerdigung kommen", erklärt Drechsle. Es gebe viele Kinderbücher, die sich mit Tod und Trauer auseinandersetzen.

Es gibt kein richtig oder falsch: "Getrauert wird sehr unterschiedlich", sagt die Trauerbegleiterin. Personen aus dem Süden zeigen mehr Emotionen. Deutsche sind in ihrer Trauer oftmals sehr still. Doch in allen Fällen ist der Verlust allzeit präsent. "Hier ist es wichtig betroffenen Personen zu zeigen, dass man für sie da ist", so die Trauerbegleiterin. Das gehe mit ganz einfachen Gesten. Denn zu Beginn der Trauerbewältigung stellen alltägliche Aufgaben oft die größte Herausforderung dar. "Man kann für Betroffene kochen oder für sie einkaufen gehen", erzählt Drechsle. "Trauern ist keine Krankheit, sondern ein ganz normaler Prozess. Er umfasst das ganze Sein", betont Drechsle. Sie endet nicht mit der Beerdigung. Trauer stellt oft das ganze Leben um. In Bad Säckingen haben Trauernde die Möglichkeit sich über das Trauercafé "Lichtblick" in einer sicheren Umgebung auszutauschen.