Einrichtung für Drittweltstudien

Unbekannter stellt Kiste mit kolonialen Schädeln bei Freiburger Infozentrum ab

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 24. Juli 2019 um 15:11 Uhr

Freiburg

Unbeobachtet hat ein Unbekannter beim Informationszentrum 3. Welt eine Kiste abgestellt. Sie enthielt zwei in Zeitung gewickelte Schädel. Die Relikte wurden jetzt an das Universitätsarchiv übergeben.

Am 18. April tauchte im Informationszentrum 3. Welt (iz3w) an der Kronenstraße ein Karton auf – der Inhalt: zwei menschliche Schädel. Gestern hat sie der Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann, der seit rund 15 Jahren die Freiburger Kolonialgeschichte erforscht und seine Ergebnisse auf der umfangreichen Homepage "Freiburg postkolonial" publiziert, an das Universitätsarchiv der Uni Freiburg übergeben. Denn es deutet vieles darauf hin, dass die Schädel zu denen gehören, die vermutlich zwischen 1986 und 2000 aus der dortigen Alexander-Ecker-Sammlung verschwanden.

Wer den Karton abgestellt hat, ist unklar

Die Hintergründe bleiben ungeklärt: Jemand habe unbeobachtet die Räume des iz3w betreten und den Karton abgestellt, erzählt Heiko Wegmann. Die Schädel seien in eine aktuelle Ausgabe des Anzeigenblatts "Zypresse" gewickelt, der Karton mit dem Hinweis "Zerbrechlich" markiert und an ihn, Heiko Wegmann, adressiert gewesen. Sein Forschungsprojekt "Freiburg postkolonial" wurde ursprünglich im iz3w gegründet.

Als er die Schädel genauer unter die Lupe nahm und mit dem Verzeichnis der Alexander-Ecker-Sammlung verglich, hatte er schnell die Vermutung, dass sie früher zur Sammlung gehörten. Diese umfasst 1.360 Schädel, von denen mehr als 900 aus der Region stammen und kolonialgeschichtlich als "unbedenklich" gelten – ein Teil der anderen wird seit Jahren untersucht. Zuletzt hatte die Universität im April acht Schädel, die indigenen Australiern zugeordnet wurden, an eine australische Delegation zurückgegeben.

Nummern deuten auf die Alexander-Ecker-Sammlung hin

Die beiden plötzlich aufgetauchten Exemplare waren mit Nummernpaaren beschriftet, die auf die Alexander-Ecker-Sammlung und einen Ursprung in einstigen Kolonialgebieten hindeuten. In einer gemeinsamen Presseerklärung vermuten Heiko Wegmann und Dieter Speck, der Leiter des Universitätsarchivs, dass die Schädel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Hamburger Firma Godeffroy, die unter anderem mit menschlichen Überresten handelte, beschafft wurden. Einer der Schädel könnte von einem australischen Aborigine stammen und von der Forscherin Amalie Dietrich 1866/67 nach Deutschland gebracht worden sein – sie hielt sich damals an dem vermutlichen Herkunftsort auf. Der andere Schädel stammt wahrscheinlich von der Pazifik-Insel Nauru.



Heiko Wegmann und Dieter Speck gehen davon aus, dass die Schädel um 1885 an den 1915 in München gestorbenen Maler und Sammler Gabriel von Max verkauft wurden und 1936 in die Alexander-Ecker-Sammlung gelangten. Dort verschwanden Jahrzehnte später etliche Schädel auf ungeklärte Weise.

Es wird dauern, bis alle Vermutungen überprüft sind. Zunächst müsse die Universität Förderanträge für die Forschungen stellen, sagt Heiko Wegmann. Er hat bereits Ende April neben der Universität sofort auch die australische Botschaft in Berlin über das Auftauchen der Schädel informiert. Für ihn zeigt die ungewöhnliche Begebenheit, dass es gut wäre, eine zentrale bundesweite Clearingstelle zu schaffen, die allen Privatpersonen und Institutionen, die mit Relikten aus der Kolonialzeit zu tun haben, als Anlaufstelle zur Verfügung stehen könnte. Gemeinsam mit der Universität ruft er alle, die solche Relikte besitzen, auf, sie – mit allen verfügbaren Begleitinformationen – zur Forschung und Rückgabe zur Verfügung zu stellen.

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