UNTERM STRICH: Kann sich Nestlé vertun?

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Di, 22. Dezember 2020

Unterm Strich

Eine neue Marke ist wie ein neues Leben – kann aber gefährlich sein / Von René Zipperlen.

Es war ein Coup des Nahrungsgiganten Nestlé, den Schauspieler George Clooney als Kaffeekapselverkäufer zu buchen. Dessen Charme überstrahlt seither souverän das Genörgel der Umweltbewegten. Denn es ist ja Wahnsinn, jedem Tässchen Kaffee eine eigene Alukapsel zu bauen. 12 000 Stück sollen weltweit im Müll landen – pro Minute. Nespresso ist eben ein globaler Megahit.

Nun aber wirkt es, als vertue sich Nestlé. Der Konzern bewirbt seine neue Kapselmaschine, in deren Namen edle Werte und Zukunft klingen: "Vertuo next" heißt sie. Mitschwingen tun aber auch "vertun", auf Schwäbisch "verdoa" – brühen die noch oder vertun die sich aufs Neue?
Vom wachsenden Aluberg aus bietet sich ein schöner Überblick an: Die Kulturgeschichte der Markennamen ist voll von Missgriffen. Da ist zum Beispiel die australische Fluggesellschaft namens "Emu", die nie richtig abhob. Vielleicht, weil der Vogel, nach dem sie benannt war, gar nicht fliegen kann? Das hatte Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, schon besser drauf. Also schlug VW für einen Edelschlitten zu. Schade nur, dass Phaeton den berühmten Sonnenwagen seines Vaters zu Schrott fuhr – und damit gleich noch die Erde in die Luft jagte.

Andere Produkte scheiterten an Übersetzungsproblemen. Ein finnischer Scheibenenteiser floppte in den USA – daheim verweist "Super Piss" auf die Pissapoika, die Scheibenwischanlage. Warum Toyota sein erstes Serienelektroauto "i-MieV" nennen wollte, muss man in Deutschland nicht verstehen. So ging es den Franzosen mit Audis "E-Tron" – bei ihnen heißt das "Kothaufen". In Spanien floppte der Lada Niva ("ni va", geht nicht) ebenso wie Roto – wer will schon kaputte Dachfenster? Zotiger ist die Sache mit dem Mitsubishi-Jeep Pajero, mit dem man besser nicht nach Spanien fuhr. Dort klang das nicht cool, sondern nach Selbstbefriedigung auf ganz Hässlich.

"Vertuo" kann da nicht mithalten. Inhaltlich trifft es die neue Aluschleuder aber auf die Zwölf. Eine vertane Chance.