UNTERM STRICH: Vom Apfel, der Skulptur wurde

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Sa, 20. März 2021

Unterm Strich

Eine Sporttasche kann wie das verschüttete Pompeji sein / Von Otto Schnekenburger.

So ungefähr muss es den Forschern ergangen sein, die im 18. und 19. Jahrhundert bei ihren Grabungen Teile der bei einem Ausbruch des Vulkans Vesuv untergegangenen römischen Stadt Pompeji für die Nachwelt freilegten. So ungefähr wie den Hobbyfußballern, die in diesen Tagen nach viermonatigem Corona-Lockdown endlich ihre Sporttaschen wieder öffneten. Gleich dem Ascheregen im Jahre 79 nach Christus kam auch der zweite Lockdown – irgendwann im November des Jahres 2020 nach Christus muss das gewesen sein – nicht ohne Vorzeichen. Ein paar Bewohner Pompejis blieben aber eben trotzdem in der Stadt – und ein paar Hobbykicker haben ihre Sporttasche nur oberflächlich geräumt und in die nächste Ecke gepfeffert. Der nächste Kick war geplant, der Außensport würde noch verschont bleiben, so hoffte man bis zuletzt.

Erkenntnisse greifen Raum, Erinnerungen werden wach. Jetzt, mit dem Blick zurück, erhielt es plötzlich Bedeutung, sich noch die Mühe gemacht zu haben, zumindest der verschwitzten Sportwäsche den Weg in die Waschmaschine zu weisen. Verhärtete Erde und ein wenig verkrustetes Blut zwischen den Stollen des Schuhwerks verraten, dass das letzte Match auf Rasen stattgefunden haben muss und nicht kontaktfrei ausgetragen wurde. Hier waren sie also, die Handschuhe, das Halstuch und die Mütze, die über den Winter oft sehr schmerzlich vermisst wurden.

Mitunter sind gar Rätsel zu lösen. Was ist oder was war das, rabenschwarz, von fester Konsistenz und von bizarren groben Falten durchzogen? Eine Mini-Skulptur, die in einer Vitrine im Freiburger Museum für Neue Kunst eine gute Figur abgeben würde. Ach was, es würde nicht mal verwundern, wenn der Marsrover Perseverance von seiner Mission ähnlich seltsames Material zur Erde schaffen würde. Objektstudien schaffen letztlich Klarheit. Das muss mal einer der Äpfel gewesen sein, die ein großzügiger Geist nach dem Kick stets unter den Sportkameraden zu verteilen pflegte. An apple a day...