UNTERM STRICH: Wonach der Hahn kräht

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Mo, 15. Juni 2020

Kolumnen (Sonstige)

Ein Mannheimer Gotteshaus setzt mit Otto auf Entertainment / Von Dominik Bloedner.

Tatort Mannheim. Da ist die Friedenskirche in der quirligen Schwetzingerstadt, neubarocker Jugendstil. Nicht weit weg davon im nicht ganz so hübschen Hafenareal liegt die Müllverbrennungsanlage mit einem ebenso imposanten Turm. Die Adresse: Otto-Hahn-Straße, benannt nach einem Nobelpreisträger, der als "Vater der Kernchemie" gilt und der wegen seines Engagements gegen die Nazis als einer der wenigen politisch aufrechten deutschen Naturwissenschaftler in Erinnerung bleibt. Ob jener honorige Mann nun Namenspatron für einen Plüsch- Hahn war, der von sich sagt: "Ich muss heute mal politisch sein", das weiß wohl nur die Pfarrerin der Friedenskirche.

Diese, ihr Name lautet Maibritt Gustrau, hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, ihren Gottesdienst etwas unterhaltsamer zu gestalten: Als Bauchrednerin mit einer Handpuppe, einem gelbschnabeligen Hahn namens Otto, der in einem Dialog mit der Theologin die nichttheologische Perspektive einnehmen soll, setzt sie eine Tradition fort, die von mittelalterlichen Hofnarren bis hin zu gefeierten Entertainern und Ulknudeln im privaten Partykeller reicht. Am Sonntag war Auftakt der Predigtreihe – ein neues Format mit mehr Witz und Bauchgefühl, wie die Presseagentur dpa berichtet. Und der komische Hahn Otto, der dem Vernehmen nach kein Ostfriese ist, hat auch auf nicht in ein Gotteshaus gehörende Zoten, auf Krähen und auf sonstige Albernheiten verzichtet.

Es ist also nicht nur die Liebe, die durch den Magen geht, lernen wir hier, sondern auch der Glaube, die Liebe zu dem Hausherrn der Kirche. Die Menschen abholen mit der heiligen Schrift und dem gesprochenen Wort, den oftmals doch eher nüchternen Gottesdienst aufpeppen und sei es mit einem flauschigen Federvieh – Pfarrerin Gustrau geht angesichts leerer Kirchenbänke in die Vollen. In Mannheim hofft man darauf, dass der Hahn noch lange danach kräht. Und mit dem Krähen muss ja nicht die dreimalige Verleugnung Jesu durch den Apostel Petrus gemeint sein...