Lesetipp

Utopie oder Nostalgie?

Alexander Dick, Kulturredaktion

Von Alexander Dick & Kulturredaktion

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Alexander Dick, Leiter der Kulturredaktion empfiehlt Stefan Zweigs "Die Welt von gestern".

Es ist genau der richtige Moment, sich wieder mit diesem Buch zu beschäftigen. Befinden wir uns nicht auch an einer Zeitenwende? Man hat Stefan Zweig vorgeworfen, in seinem literarischen Vermächtnis jene "Welt von gestern" zu sehr mit der Brille der Verklärung zu beschreiben. Jenes Europa, das in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs endgültig zu Bruch ging. Mag sein, dass die autobiografischen Erinnerungen des habsburgisch-österreichischen Europäers Zweig mehr die rückwärtsgewandte Illusion einer Utopie beschreiben – eine "Welt der Sicherheit" war jenes Europa vor 1914 wohl nie. Aber beim Wiederlesen ertappt man sich schnell dabei, dass es einem mit der aktuellen Situation und dem daraus resultierenden Blick zurück ganz ähnlich geht wie Zweig damals. Und so kann man, während man mit Zweig durch die Belle Époque und ihre Metropolen streift, trefflich darüber nachdenken, wie viel Nostalgie heute angebracht scheint.

Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1985.

512 Seiten, 12 Euro.