BZ-Hautnah

Verantwortung hat viele Facetten

Martin Wunderle

Von Martin Wunderle

So, 01. Dezember 2019 um 16:55 Uhr

Löffingen

Zur Abschlussveranstaltung des Stadtjubiläums in Löffingen diskutieren Verantwortliche aus vielen Bereichen im Rahmen einer BZ-Hautnah Veranstaltung über Verantwortung.

Der Auftakt
Bürgermeister Tobias Link zeigte sich hocherfreut über den illustren Kreis der Teilnehmer. Das ganze Jubiläumsjahr über habe es in Löffingen Veranstaltungen und Vorträge gegeben, die sich nicht nur mit der Geschichte der Stadt, sondern auch mit Zukunftsfragen beschäftigt haben. Dazu zählten die Digitalisierung, aber auch ein Bericht von Erzbischof Stefan Burger über seine Auslandseinsätze für das Hilfswerk Misereor. Verantwortung, so Link, sei ein weites Thema in einer globalisierten Welt und stelle auch die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen.

Das Podium
Teilnehmer, die alle bei ihrer Arbeit Verantwortung tragen, waren Roger Kehle, Präsident des Gemeindetages Baden-Württemberg, dessen Aufgabe es ist, in Verhandlungen mit dem Land eine gute Finanzausstattung für die Gemeinden zu erreichen, ohne dass das Land selbst in finanzielle Schwierigkeiten kommt, Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, der Verantwortung für das Geld seiner Kunden trägt und das Verhalten der großen Banken vor der Finanzkrise 2007 als absolut verantwortungslos bezeichnet. Dazu Steffen Bilger (CDU), parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, der auch als Mitglied des Bundestags weitreichende Entscheidungen zu treffen hat, Matthias Jaschke, Geschäftsführer Formesse GmbH & Co. KG, Löffingen, der das Thema als lokaler Unternehmer beleuchtet und Verantwortung für seine 70 Beschäftigten trägt sowie Benedikt Schalk, Diözesanstelle für Umwelt, Energie und Arbeitsschutz im Erzbischöflichen Ordinariat, das bis 2030 Klimaneutralität in der Erzdiözese erreichen will.

Die Fragen an die Teilnehmer stellte Holger Knöferl, stellvertretender Chefredakteur der Badischen Zeitung. Er wies darauf hin, dass Verantwortung in einer globalisierten Welt ein weites Thema sei. Welchen Einfluss haben beispielsweise Umwelt und das Umfeld auf das Verhalten und was sei Verantwortungslosigkeit.

Die Stellungnahmen
Roger Kehle zieht dafür konkret Beispiele heran. Seine Verantwortung sei, von der Landesregierung genügend Geld für die Finanzierung der Kommunen zu bekommen, dafür sei er gewählt worden. Er wolle die Verantwortung nicht auf eine philosophische Schiene bringen.

Steffen Bilger erläuterte, dass jeder Verantwortung in der Familie und bei der Arbeit übernehme. Entscheidungen müsse man mit seinem Gewissen oder mit Gott ausmachen. Er wolle seinen Kindern ein guter Vater sein, ihm sei aber auch bewusst, dass es mehr brauche, als die Regierung bisher hinbekommen habe und ebenso, dass er als Politiker nur eine Aufgabe auf Zeit habe. Es werde aber immer schwieriger Mehrheiten zu finden und auch die Auseinandersetzungen würden härter. Selbst auf europäischer Ebene schaue jeder zuerst nach seinem eigenen Land. Zu Ergebnissen zu kommen, sei oft mühsam geworden.

Peter Schneider betonte die hohe Verantwortung, die sein Institut für Kunden und Firmen in der Region habe und der man sich stellen müsse. Das grenzenlose Gewinnstreben der großen Banken habe in die Verantwortungslosigkeit geführt und die größte Krise in der Nachkriegszeit ausgelöst. Er bedauerte, dass in dieser Zeit Gemeinsamkeiten verloren gegangen seien, und immer mehr die Einzelinteressen in den Vordergrund gestellt werden. Dadurch sei die Suche nach einem gemeinsamen Nenner deutlich schwieriger geworden.

Benedikt Schalk nennt seine Verantwortung die Antwort auf einen Ruf. Die sei immer auch ein Beziehungsgeschehen und sei auch menschlich. Seine Aufgabe sieht er darin, Verantwortung vor der Schöpfung zu übernehmen, damit der Mensch die Erde behütet. Dabei sei aber auch das Bezugsgeschehen ein wichtiger Faktor. Wenn das Vertrauen in die Institutionen sinke, sei es schwierig, zu Ergebnissen zu kommen.

Matthias Jaschke bestätigt, dass er Verantwortung indirekt schon in die Wiege gelegt bekommen habe. Das werde ihm immer mehr bewusst. Als Unternehmer sei es aber viel schwerer, nicht zu seiner Verantwortung zu stehen. Dies sei er nicht nur seinen Beschäftigen und Kunden, sondern auch seinem Vater und seinen Kindern schuldig.

Der Klimaschutz
Auch dieses Thema wurde beim Erörtern von Verantwortung nicht ausgespart. Dabei betonte Schalk, dass Verantwortung manchmal auch schnell abgeschoben werde. Dabei könne jeder bei sich selber anfangen, doch da fehle es manchmal an Verantwortungsbewusstsein. Und es sei definitiv verantwortungslos, wenn sich Klimaaktivisten einer Diskussion verweigern, wie er selbst schon erlebt habe. Dass es Veränderungen geben müsse, sei unbestritten, und da müsse das reiche Deutschland eine Vorreiterrolle übernehmen. Ob dafür sofort eine komplette Umstellung auf Elektroautos sinnvoll sei, stehe in Frage, den der Ressourcenverbrauch beim Bau neuer Autos sei groß und damit auch klimaschädlich.

Kehle bezeichnete sich selbst als hoffnungsloser Optimist und zeigte sich sicher, dass man das Klima in den Griff bekommen werde. Er wies allerdings darauf hin, dass Deutschland nur für 2,2 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich sei. Deshalb könne man die Welt auch nicht alleine retten. Doch wenn jeder an sich selber denke und meine, damit sei an alle gedacht, sei das sicher der falsche Weg und könne so nicht funktionieren.

Auch Bilger räumte ein, dass es sicher noch große Diskussionen um den Verkehr geben werde. Die Verantwortung gelte jedoch für das große Ganze und da müsste ein Grundkonsens machbar sein. Klar müsse man besser werden, und das habe man bei der Energieeffizienz beim Verkehr auch schon getan. Leider sei aber das Verkehrsaufkommen in gleichem Maße gestiegen. Und dass man heute in Urlaub fliege und jeder mobil sein wolle, das müsse man erhalten und dafür sozialverträgliche Lösungen finden, etwa durch attraktive Preise für Elektroautos und den Aufbau von Wasserstofftankstellen für den Lastwagenverkehr.

Matthias Jaschke erklärte, das Anliegen der Bewegung "Fridays for future" sei legitim. Auch für Unternehmen sei es wichtig, aus der Komfortzone herauszukommen. Das Denken an die nächste Generation sei wichtiger geworden, und das sei auch gut so.

Für Peter Schneider ist der Wohlstand hauptsächlich durch die Industrie geprägt, wobei der Automobilsektor der größte Wirtschaftszweig sei. Die hochentwickelte Technik, die man derzeit habe, sollte man weiter einsetzen, so dass eine Zukunft mit Verbrenner und Elektroautos durchaus denkbar sei.

Die Bilanz
Moderator Holger Knöferl sah zum Ende der Diskussion in der Theorie eine große Einigkeit, in der Praxis jedoch führe die Thematik zu Zielkonflikten, vor allem auch im Bereich Umweltschutz. Dennoch habe man viele Denkanstöße für eine praktische Umsetzung erhalten. Und Bürgermeister Tobias Link erläuterte, dass auch jeder, der in einem kommunalen Gremium sitze, Verantwortung habe und Entscheidungen treffen müsse, die er für richtig halte. Manchmal sei es aber auch die Familie, die einem den Kopf wasche, und auch das könne ganz wichtig sein.

Die Besucher
Die Veranstaltung hätte zwar mehr als die knapp 200 Zuhörer verdient gehabt, die an diesem frühen Samstagabend den Weg in die Festhalle fanden, waren sich die Besucher hinterher einig und lobten die große Bandbreite und Tiefe des Themas, die Anregungen zum Thema Verantwortung gegeben habe.