Zukunft

Verhindert die Wohlfühlstimmung in Südbaden wirtschaftliches Wachstum?

Barbara Schmidt

Von Barbara Schmidt

Fr, 07. Februar 2020 um 12:08 Uhr

Wirtschaft

"Wir sind drauf und dran, uns in einer Wohlfühlfalle zu bewegen", warnt Dieter Salomon, Chef der Industrie- und Handelskammer. Eine Zukunftsstrategie soll für die nötigen Veränderungen sorgen.

Am Südlichen Oberrhein lebt es sich gut. Die Region kann nicht nur mit schöner Landschaft und einem hohen Freizeitwert, sondern auch mit attraktiven Arbeitgebern und Hochschulen punkten. Entsprechend stark ist die Bevölkerung in den vergangenen Jahren gewachsen. Doch das Wachstum stößt allmählich an Grenzen, was sich etwa im Mangel an bezahlbarem Wohnraum äußert. Um auch künftig zu den führenden Wirtschaftsregionen zu gehören, hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein eine Zukunftsstrategie vorgelegt.

Was ist das Ziel?

Jetzt die richtigen Weichen zu stellen, damit die Region 2030 oder sogar 2040 genauso gut oder besser dasteht. Wobei mit Region in diesem Fall die Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen und Ortenau sowie die Stadt Freiburg gemeint sind. Für dieses Gebiet hat die IHK bei der Basler Beratungsgesellschaft Prognos eine Studie in Auftrag gegeben.

"Wir sind drauf und dran, uns in einer Wohlfühlfalle zu bewegen" IHK-Chef Salomon
Sie soll aufzeigen, was jetzt schon gut läuft, wo es Verbesserungsbedarf gibt und welche Gefahren durch einen Stillstand drohen. Denn "Wohlstand erhöht sich nur, wenn man täglich daran arbeitet und auch bereit ist, neue Wege zu gehen", sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Dieter Salomon bei der Vorstellung der Ergebnisse am Donnerstag in Freiburg. "Wir sind drauf und dran, uns in einer Wohlfühlfalle zu bewegen", warnte er. Viele meinten, wenn’s ihnen gut gehe, sollte man nichts ändern. Doch "dieses Gutgehen kann die Region in wenigen Jahren verspielen".

Was zeichnet die Region aus?

Der Studie zufolge vor allem ihre Vielfalt. Sie sei als attraktive Tourismus- und Genussregion bekannt, zugleich aber eine bedeutende Wirtschaftsregion und ein wichtiger Wissenschaftsstandort, sagte Studienautor Tobias Koch von Prognos. Diese Mischung sei in Baden-Württemberg einmalig. Ein weiteres Merkmal sei die breite Wirtschaftsstruktur mit vielen erfolgreichen Mittelständlern der unterschiedlichsten Branchen. Das macht die Region weniger krisenanfällig als etwa den Raum Stuttgart, wo vor allem Autohersteller und deren Zulieferer sitzen.

Dort sind es große Konzerne, hier kleine und mittlere Unternehmen, oft familiengeführt, darunter etliche Weltmarktführer in ihrer Nische. Diese Vielfalt führt nach Ansicht der Prognos-Experten allerdings dazu, dass die Außenwahrnehmung der Region verschwimmt. Stuttgart ist für alle die Auto-Stadt, Karlsruhe gilt als Technologie-Standort. Und der Südliche Oberrhein? "Es geht darum, in all der Vielfalt ein unverwechselbares Profil zu schärfen", nannte Koch als Ziel. Denkbar wäre ein Profil als Nachhaltigkeits- und Gesundheitsregion. In jedem Fall sollten Wirtschaft und Wissenschaft stärker als bisher betont werden.

Gibt es weitere Ansatzpunkte?

Ja. Der Studie zufolge fällt das Wachstum regional sehr unterschiedlich aus. So stieg die Einwohnerzahl in Bad Krozingen und Staufen zwischen 2011 und 2018 um 10,2 Prozent, wohingegen sie im Kinzigtal mit 1,6 Prozent plus fast stagnierte. Bei der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten legte Müllheim um 25,2 Prozent zu, Breisach nur um 9,2 Prozent. Das Rheintal brummt, während manche Täler und Höhen im Schwarzwald ausbluten. Diese Entwicklungsunterschiede gelte es zu verringern. "Die Infrastruktur auf dem Land muss so gut sein wie in der Stadt", nannte IHK-Präsident Steffen Auer als Ziel. Dazu gehört für ihn ein hundertprozentiger Glasfaserausbau in Industrie- und Gewerbegebieten bis 2023 sowie ein flächendeckender Mobilfunkausbau mit 4- oder 5-G-Standard.

Wie geht es weiter?

Der Prognos-Endbericht nennt auf gut 50 Seiten noch weitere strategische Leitlinien und Ziele für die Region. Eingeflossen sind darin auch die Ergebnisse einer Umfrage unter 650 Unternehmen. Zudem befragten die Prognos-Experten ausgewählte Bürgermeister, Bankenvorstände und Firmenchefs. Am Ende wurde ein Acht-Punkte-Programm mit zentralen Handlungsempfehlungen erstellt. So sollen auch bekannte Probleme wie Engpässe bei Fachkräften, Bauland und Gewerbeflächen angegangen werden.

Wie kann die Umsetzung gelingen?

Zentral dabei ist, dass alle an einem Strang ziehen. Die IHK sucht daher den Schulterschluss mit der Handwerkskammer, den Wirtschaftsförderern der Städte und Landkreise und ihrer Nachbar-IHK Hochrhein-Bodensee, die für die Landkreise Lörrach und Waldshut zuständig ist. Es habe bereits mehrere Treffen und Gespräche gegeben, berichtete Alwin Wagner, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein.

"Warum nicht eine gemeinsame Regiokarte mit der Ortenau anbieten"IHK-Präsident Steffen Auer


"Wenn wir in Stuttgart und Berlin besser gehört werden wollen, müssen wir mit einer Stimme sprechen", betonte Auer. Eine solche umfassende Zusammenarbeit über Gemeinde- und Landkreisgrenzen hinweg sei eine Herausforderung: "Wir sind bisher nicht gerade erfahren in Kooperation", bekannte Auer. Doch es brauche gemeinsame Projekte, gemeinsame Positionen und auch Kompromisse, um zum Beispiel ausreichend Gewerbeflächen und Bauland vorhalten zu können oder die Mobilität zu verbessern. "Warum nicht eine gemeinsame Regiokarte mit der Ortenau anbieten", fragte Auer.

Welche Rolle spielt die IHK?

Viele Vorhaben der Zukunftsstrategie betreffen Bereiche, auf die eine IHK keinen Einfluss hat, etwa die Anbindung von Gewerbegebieten an den öffentlichen Nahverkehr. Die IHK sieht sich daher vor allem als Impulsgeber und als Moderator. "Wir wollen noch stärker als bisher die Akteure zusammenbringen und von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns überzeugen", sagte Salomon.

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