Amtsgericht Neustadt

Verursacher von tödlichem Unfall bei Reiselfingen freigesprochen

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Di, 24. Januar 2023 um 18:30 Uhr

Titisee-Neustadt

Die juristische Aufarbeitung dauerte lang. Bei einem Crash bei Reiselfingen war ein 69-jähriger Mann gestorben. Der 21-jährige Unfallverursacher wurde nun vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Nicht nur der folgenschwere Unfall liegt lange zurück. Die juristische Aufarbeitung zog sich ungewöhnlich lange hin. Mitte Oktober 2022 begann die Strafverhandlung vor dem Amtsgericht Neustadt, zwei Wochen später wurde sie fortgesetzt (die BZ berichtete). Weil ein wichtiger Zeuge sich über Monate in Skandinavien aufhielt, wurde die Hauptverhandlung unterbrochen. Am Dienstag konnte der Motorradfahrer aus der Schweiz nun befragt werden.

Der Verteidiger bittet um Einstellung des Verfahrens

Es war kein Fortsetzungstermin, sondern aufgrund der langen Pause eine neue Verhandlung. Mit Einverständnis aller Prozessbeteiligten verlas Richter André Gerber die Vernehmungen der bisher befragten Zeugen. Das ersparte nicht nur deren erneute Anreise und weitere Kosten, sondern auch Zeit im Verfahren. Bevor der neue Zeuge gehört wurde, erklärte der Verteidiger, sein Mandant und er wären mit einer Einstellung des Verfahrens einverstanden. Der Anklagevertreter lehnte ab: "Die Staatsanwaltschaft will einen klaren Schuldspruch."

Der 21-jährige Student aus der Schweiz war an jenem Aprilnachmittag mit seinem Motorrad unterwegs nach Tübingen. Nach seiner Erinnerung fuhr er mit Tempo 80 bis 90 auf der Kreisstraße zwischen Schattenmühle und Reiselfingen, als er von einem Geländewagen überholt wurde. Der sei danach nicht komplett vor ihm eingeschert, sondern habe kurz darauf erneut zum Überholen angesetzt. Dass vor dem schwarzen Pkw auf der rechten Fahrspur noch ein langsames weißes Auto fuhr, sah der Zeuge nach eigener Aussage erst, als dieses auf Höhe einer Parkplatzeinfahrt nach links abbog. "Da war er plötzlich", hatte nach Aussage des Verteidigers sein Mandant über den weißen Toyota gesagt. Der Angeklagte, zum Unfallzeitpunkt 19 Jahre alt, überließ das Reden fast ausschließlich seinem Anwalt, der davon reichlich Gebrauch machte.

Der Motorradfahrer sah noch das Bremslicht des Geländewagens, bevor dieser mit dem abbiegenden Toyota kollidierte. Der 69-jährige Fahrer aus Oberndorf starb noch am Unfallort. Seine heute 65-jährige Ehefrau brach sich Becken, Schlüsselbein, Arm, erlitt einen Lungenkollaps und lag mehrere Tage im Koma. Die Witwe, die bei ihrer Zeugenaussage über ständige Schmerzen berichtete, hat keinerlei Erinnerung an den Unfall.

Der Staatsanwalt spricht von einer unklaren Verkehrslage

Der Unfallsachverständige stellte in seinem Gutachten fest, der Toyotafahrer hätte den Geländewagen auf der Überholspur im linken Außenspiegel erkennen können. Der Angeklagte müsse den Blinker am Toyota nicht gesehen haben. Eine Kollision hätte er mit maximal Tempo 78 vermeiden können. 100 Stundenkilometer sind im Bereich der Unfallstelle erlaubt, laut Berechnung des Sachverständigen war der Geländewagen zu Beginn des Bremsvorgangs zwischen 115 und 122 Kilometer schnell.

"Die Alleinschuld an diesem Verkehrsunfall hat für mich der Geschädigte." Verteidiger

Der Staatsanwalt kam zu dem Schluss, der Angeklagte, damals auf dem Heimweg von der Arbeit, "hätte in dieser Situation nicht überholen dürfen" wegen einer "unklaren Verkehrslage". Die Kolonne habe ihr Tempo im Bereich von zwei Parkplätzen deutlich reduziert gehabt, ein Abbiegen sei nicht auszuschließen gewesen. Der Staatsanwalt forderte, den damals Heranwachsenden nach Jugendstrafrecht wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu 3000 Euro Geldauflage zu verurteilen.

"Die Alleinschuld an diesem Verkehrsunfall hat für mich der Geschädigte", sagte dagegen der Verteidiger und plädierte auf Freispruch. Das Abbiegen sei "nicht voraussehbar" gewesen. Fahrlässigkeit setze "Pflichtwidrigkeit" voraus, begründete Richter Gerber seinen Freispruch. Der Angeklagte habe nicht mit dem Abbiegevorgang rechnen müssen.