Baden-Württemberg

Viele Corona-Infektionen und Drittimpf-Anfragen überlasten die Arztpraxen

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Von unseren Redaktionen

Fr, 29. Oktober 2021 um 21:55 Uhr

Südwest

Termine für Auffrischungsimpfungen werden viel stärker nachgefragt als sie zur Verfügung stehen. Zugleich gibt es eine immer höhere Belastung durch immer mehr Corona-Infektionen.

Das Land hat allen Erwachsenen eine Drittimpfung gegen das Coronavirus empfohlen. Termine dafür sind aber teils erst später zu bekommen, weil Hausarztpraxen überlastet sind und nicht genug Impfteams zur Verfügung stehen. Bei letzteren stellt das Sozialministerium Abhilfe in Aussicht. Es verweist aber zugleich darauf, dass zu wenig Ärzte impften.

Dass derzeit so gut wie keine schnellen Termine für Booster-Impfungen frei sind, bestätigen Impfwillige in Südbaden: Eine 80-Jährige aus Kenzingen ergatterte einen Termin für Mitte Dezember, eine 84-jährige Waldkircherin immerhin schon in drei Wochen. Auch bei dem Lahrer Hausarzt Philipp Schirmer gibt es Impftermine erst wieder im Dezember. In der Hausarztpraxis Thum und Deissler im Freiburger Ortsteil Kappel klingelte am Freitag das Telefon ununterbrochen. Viel nachgefragt: die Booster-Impfung. Doch auch bei den Freiburger Ärzten sind baldige Termine kaum zu bekommen.

"Wir sind über der Belastungsgrenze", sagte Ärztin Susanne Mack von der Freiburger Praxis. Das "Boostern" ist nur ein Bereich, in dem das Team gerade gefordert ist. Derzeit kommen viele Patienten mit Infektionen in die Praxis – anders als vor einem Jahr, als die Grippewelle faktisch ausgefallen war. "Das Aufkommen in der Infektsprechstunde ist enorm", sagt auch Boris Weber, Facharzt für Innere Medizin aus Ettenheim. Doris Reinhardt, Hausärztin in Friesenheim und Pandemiebeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung für den Ortenaukreis, berichtet dasselbe: Es kämen derzeit doppelt so viele Infektpatienten, wie Kapazitäten vorhanden seien.

Geimpft wird in der Zeit, die für Büroarbeit eingeplant war

Der Lahrer Hausarzt Philipp Schirmer bezeichnet die Lage bei ihm als "sehr angespannt". Anders als im vergangenen Jahr stelle man auch die Behandlung chronisch Kranker diesmal nicht zurück. Die Impfungen seien "eigentlich überhaupt nicht zu schaffen", sagt der Arzt: "Wir impfen schon heute in der Zeit, die eigentlich für Büroarbeit geplant war."

Auf Anfrage der BZ bestätigt das Sozialministerium, dass es entsprechende Meldungen bekomme. Es sieht aber die Ursache bei Ärzten, die nicht impften: "In den vergangenen Tagen haben uns dazu über Social Media oder unseren Bürgerreferenten vermehrt Hinweise erreicht, dass die Impfangebote der niedergelassenen Ärzteschaft wohl nicht überall in Baden-Württemberg ausreichen," schrieb Sprecherin Claudia Krüger.

Stephan Sigrist, Leiter der Freiburger Notfallpraxis und Pandemiebeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), bestätigt das. Die KV versuche, die Zahl der Praxen, in denen geimpft wird, anzuheben – über Rundmails und persönliche Kontakte. Zugleich übt Sigrist Kritik am Land. Er bemängelt, dass es nur noch 30 mobile Impfteams für ganz Baden-Württemberg gibt. So seien die zwei Freiburger Teams für den Bereich zwischen Freiburg und Konstanz zuständig – "eine Herkulesaufgabe".

Die Hausarztpraxis Thum und Deissler betreut auch Seniorinnen und Senioren in Pflegeheimen. Ohne Unterstützung durch mobile Impfteams sei die derzeitige Nachfrage "nicht stemmbar", sagt Ärztin Susanne Mack. Auch sie bemängelt, dass zu schnell Kapazitäten abgebaut worden seien.

Dafür hat das Land nun Abhilfe versprochen: Sprecherin Claudia Krüger kündigt an, "aufgrund der sich abzeichnenden Engpässe bei den Ärzten" werde das Sozialministerium "kurzfristig weitere 50 mobile Impfteams einsetzen, um mit dem Impfen schnell weiter voranzukommen."

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