Fünf Jahre nach dem Völkermord

Viele Kenzinger und Bahlinger engagieren sich für die vertriebenen Jesiden im Nordirak

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Fr, 02. August 2019 um 19:55 Uhr

Kenzingen

Verfolgt, versklavt, ermordet: Das Schicksal der Jesiden berührt viele Menschen. Tausende, die der Terrormiliz IS entkamen, leben heute in Lagern im Nordirak. Dort helfen auch Initiativen aus Südbaden.

Am 3. August 2014 fallen Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat in das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden in Sindschar im Nordirak ein. Eine Studie der UN von 2017 geht davon aus, dass rund 3000 Menschen getötet wurden. Mehr als 6000 hauptsächlich Mädchen und Frauen wurden entführt und versklavt. Im Nordirak engagieren sich bis heute zwei Initiativen aus der Region in den Flüchtlingslagern: der Verein Zarok aus Kenzingen und die Kirchengemeinde in Bahlingen.

"Die Spendenbereitschaft ist ungebrochen", erklärt der pensionierte evangelische Pfarrer Eckhard Weißenberger aus Bahlingen. Seit März 2015 engagiert er sich vor Ort im Zeltflüchtlingslager bei Zakho im Nordirak. Es ist eines der größten Lager für rund 26.000 geflüchtete Jesiden. Momentan habe die Bereitschaft zwar etwas nachgelassen, das liege aber vor allem daran, dass Weißenberger gesundheitlich selbst eingeschränkt ist. Die Bereitschaft lebt von seinen Vorträgen. 16 oder 17 Mal war er selbst vor Ort, genau weiß er es nicht mehr. Im Oktober möchte er wieder in das Zeltlager. "Solange die Spenden fließen, mache ich weiter", sagt er.

Vereine setzen auf Hilfe zur Selbsthilfe

Los ging damals alles mit Kleiderspenden. In der Kirchengemeinde hat er dazu aufgerufen, Sachen zu sammeln. Ein Raum im Gemeindehaus sei nach drei Tagen voll gewesen, erzählt er. "Kleider haben sie mittlerweile aber genug", ergänzt Weißenberger. Geld sei leichter zu transportieren. Immer noch laufen regelmäßig Spenden bei ihm zusammen. Manchmal auch 1500 Euro, die ein Bahlinger bei seinem Geburtstag eingesammelt hat. "Wenn die Leute wissen, dass das Geld tatsächlich vor Ort ankommt, sind sie auch bereit zu Spenden", erklärt Weißenberger. Mit dem Geld unterstützt er vor allem Witwen, deren Ehemänner vom IS erschossen wurden. Auf einer Liste stehen rund 200 Frauen, die zwischen 60 und 120 Euro bei jedem Besuch erhalten. Er sieht seine Arbeit als Unterstützung der großen Organisationen, die das Lager unterhalten. "Jeder Euro mehr ist eine Zusatzhilfe, die das Leben etwas verschönert", sagt er.
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In einem Nebenlager sei zudem der Kontakt mit einer studentischen Organisation entstanden, die dort ein Haus gebaut hat. Für Mütter und Kinder dient das Haus tagsüber als Aufenthaltsort. Während die Kinder dort Schulunterricht bekommen, können die Frauen in eine Nähwerkstatt. "Wir haben aus ganz Deutschland Nähmaschinen gestiftet bekommen", erzählt Weißenberger. Mittlerweile seien es 15 Stück. Die Frauen können sich dadurch etwas dazuverdienen. Monatlich wird das Projekt mit 1000 Euro unterstützt. Zusammen mit der Leitung des Zeltlagers hat man zudem eine Lehrwerkstatt für Schüler eingerichtet. Mit den Spenden konnten Werkzeuge angeschafft werden, erzählt Weißenberger.

Beim Verein Zarok hat es auch mit Kleiderspenden angefangen

Auch der Kenzinger Verein Zarok hat ganz zu Anfang, im Herbst 2014, mit Kleiderspenden begonnen. Die Schwerpunkte des Vereins liegen auf der Betreuung traumatisierter Kinder und der Stärkung der Selbstständigkeit verwitweter Mütter. Geldleistungen an Einzelne werden nicht vergeben. Der Verein "unterstützt Gruppen von Hilfsbedürftigen sowie infrastrukturelle Maßnahmen, die vielen zu Gute kommen", heißt es vom Verein. Dabei wird auf die Expertise lokaler Organisationen zurückgegriffen. Am Anfang wurden vor allem viele Sachspenden in den Nordirak gebracht.

Wie Weißenberger aus Bahlingen setzt Zarok auf Hilfe zur Selbsthilfe. Im Januar 2018 eröffnete der Verein gemeinsam mit Khaima, der Shingal Organization for Social Development und der presbyterianischen Kirche in den Vereinigten Staaten und dem Irak zwei Nähateliers in den Flüchtlingscamps Berceive 1 und Kadya für jeweils 15 jesidische Witwen. Die Frauen erhielten mit einer Nähausbildung, einer Nähmaschine und einem Stromgenerator neue Perspektiven und die Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt wieder selbst zu bestreiten. Zwei weitere Nähateliers wurden im Februar 2019 in den Flüchtlingslagern Sharya und Khanke aufgebaut. Insgesamt steuerte Zarok für Ausbildung und Ausstattung von 60 Schneiderinnen knapp 10.000 Euro bei.

Zarok eröffnete eine Bäckerei

Ein weiteres Start-up-Projekt wandte sich 2019 an jesidische Frauen, die jahrelang in IS-Gefangenschaft leben mussten: Zarok eröffnete eine Bäckerei und ermöglichte fünf Konditorinnen eine Kurzausbildung. Kooperationspartnerin war die Frauenorganisation The Lotus Flower, die Internationale Organisation für Migration konnte als weitere Geldgeberin gewonnen werden. Für Zarok kostete das Projekt 5000 Euro.

Geflüchtete Kinder, die keine Schule besuchen können, profitieren im Sommer von den Pop-up-Schulen: die Lehrkräfte der Panaga Organization For Education unterrichten unter freiem Himmel. Zarok unterstützte sowohl 2018 als auch 2019 die Bildungsarbeit mit knapp 3600 Euro.

Leider seien auch mehrfach Aufwendungen zur Nothilfe notwendig geworden: Nach Überflutungen half Zarok 2018 Familien im Camp mit einem Betrag von 2000 Euro, ein Kälteeinbruch machte im gleichen Jahr den Kauf von Winterbekleidung für Kinder nötig – ebenfalls in Höhe von 2000 Euro. Ein Kurzschluss im Flüchtlingslager Sharya löste in diesem Sommer einen Zeltbrand aus, fünf Familien erhielten Hilfe, um mit insgesamt 1800 Euro Hausrat und Bekleidung wieder zu beschaffen.
Mehr Informationen im Internet unter http://www.zarok.de