Umfrage

Viele wollen sich von der Großstadt verabschieden

dpa, afp

Von dpa & afp

Di, 20. Juli 2021 um 11:11 Uhr

Wirtschaft

Hohe Mieten, wenig Platz und die Erfahrung der Corona-Pandemie: Eine Ifo-Umfrage zeigt, dass es viele Bewohner von Großstädten in Deutschland in kleinere Städte und die Speckgürtel zieht.

Viele Menschen haben die Nase voll vom Leben in den großen Städten und wollen sie verlassen, wie eine Umfrage des Ifo-Instituts zeigt. Wie stark der Druck ist, variiert dabei von Stadt zu Stadt deutlich.

Mehr als jeder achte Bewohner (12,9 Prozent) der Städte mit mehr als einer halben Million Einwohner will diese laut einer Befragung des Münchner Ifo-Instituts und des Immobilienportals Immowelt innerhalb höchstens einem Jahr verlassen. Fast die Hälfte davon nennt Corona dabei als wichtigen Grund für die Entscheidung, aufs Land oder in eine kleinere Stadt ziehen zu wollen.

Die Großstadt ist kein Sehnsuchtsort

Natürlich wisse man nicht, wie viele Menschen dies wirklich in die Tat umsetzten, doch Pläne binnen sechs oder zwölf Monaten die Stadt zu verlassen, könne man durchaus als relativ konkret sehen, sagt der Studienautor Mathias Dolls. Alle knapp 13 Prozent der Befragten würden aber sicherlich nicht die Großstädte verlassen. "Viele Befragte geben an, in Zukunft weniger Kompromisse bei den eigenen Wohnverhältnissen machen zu wollen, da sie aufgrund der Pandemie mehr Zeit zu Hause verbringen", erklärte Jan-Carl Mehles von Immowelt, Koautor der Studie.

Auffällig sei zudem, dass bei den Menschen außerhalb der großen Städte kein besonders großer Wunsch vorhanden sei, in Großstädte zu ziehen. Sie seien kein Sehnsuchtsort, sagt Dolls. Dennoch werde es natürlich auch weiterhin Menschen geben, die in die großen Städte ziehen. Ob es am Ende mehr Zuzug oder mehr Wegzug geben werde, könne im Moment noch niemand sagen.

Konkret sagten 5,3 Prozent der befragten Bewohner der großen Großstädte, innerhalb von sechs Monaten die Stadt verlassen zu wollen, weitere 7,6 Prozent wollen das binnen zwölf Monaten tun. Umzüge in andere große Großstädte zählten dabei nicht mit.

Aus Essen will kaum jemand weg

Ziel der großstadtmüden Bewohner waren meistens kleinere Großstädte oder die Speckgürtel. Besonders Familien mit Kindern und Menschen in der Familiengründungsphase strebten in den suburbanen Raum und in kleinere Großstädte, hieß es vom Ifo-Institut. Dolls mahnt daher, dass die Anbindung der Speckgürtel und die dortige Bildungsinfrastruktur an Bedeutung gewinnen werden.

Der Trend könnte jedenfalls weitergehen: Jenseits der schnellen Umzugspläne tragen sich noch viele weitere Bewohner der großen Städte mit Wegzugsgedanken. 18,5 Prozent wollen in den kommenden zwei oder in fünf Jahren weg. Weitere 24,4 Prozent sagen, ein solcher Umzug käme für sie grundsätzlich infrage. Nicht einmal die Hälfte – 44,2 Prozent – lehnt es ab, die großen Städte zu verlassen. Zum Vergleich: Im ländlichen Raum lehnten mehr als zwei Drittel einen Wegzug ab. Für die Studie wurden 18 000 Menschen in Deutschland befragt, davon jeweils 7000 aus Großstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern und aus dem suburbanen Raum. Dazu kamen jeweils 2000 Menschen aus kleineren Großstädten und aus dem ländlichen Raum.

Hannover ist nicht sonderlich beliebt

Wie viele Menschen die großen Städte verlassen wollen, variiert von Ort zu Ort stark. Besonders häufig ist dies in Hannover der Fall, wo 16,5 Prozent der Befragten sagten, binnen eines Jahres wegziehen zu wollen. Dahinter folgen dann Frankfurt mit 16,2, Dortmund mit 14,2 sowie Berlin und Stuttgart mit je 14,1 Prozent.

Relativ nah am Durchschnitt liegen Düsseldorf mit 13,7, Köln mit 13,5, München mit 12,5 und Nürnberg mit 12 Prozent. In Hamburg mit 11,4 und Bremen mit 11,1 Prozent ist der Wegzugswunsch eher unterdurchschnittlich ausgeprägt. Am seltensten wollen die Bewohner von Leipzig mit 10,5, Dresden mit 9,5 und Essen mit 7,6 Prozent ihre Stadt verlassen.