Schulpolitik

Vigeliusschule kann sechs Jahre nach Start erste Erfolge als Gemeinschaftsschule vorweisen

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Mi, 04. Dezember 2019 um 08:31 Uhr

Freiburg

Von der Werkrealschule zur Gemeinschaftsschule: Die Vigeliusschule in Freiburg-Haslach ist bisher die einzige öffentlichen Gemeinschaftsschule der Stadt. Das Team ist von der Politik frustriert.

Unter der grün-roten Landesregierung standen Gemeinschaftsschulen im Zentrum des bildungspolitischen Interesses. Groß war die Euphorie bei einem breiten Bündnis aus Bürgerschaft und Politik, als 2013 mit der Vigeliusschule – bis dahin eine Werkrealschule – auch in der Region der Startschuss für das längere gemeinsame Lernen an einer öffentlichen Gemeinschaftsschule fiel. Sie ist bis heute die einzige geblieben.

"Warum wissen so wenige, dass es uns gibt?", beklagt Schulleiter Thomas Hartwich bei einem Besuch der Grünen-Landesvorsitzenden Sandra Detzer und einigen Stadträten die schwindende Aufmerksamkeit für die mit viel Herzblut entwickelten neuen Bildungswege, die offen sind für alle Abschlüsse.

Wahl zwischen drei Niveaustufen

Sophia und ihre Eltern zumindest wussten davon. "Gemeinschaftsschule hat für mich auch was mit Gemeinsamkeit zu tun", sagt die Fünftklässlerin. Nach der Tuniberg-Grundschule in Opfingen entschieden sie sich für die weiterführende Schule in Haslach. Wochenplanarbeit ist in ihrer Klasse gerade angesagt: Die Schüler entscheiden selbst, in welchem Hauptfach (Deutsch, Englisch, Mathe) sie weiterarbeiten, um ihr Pensum zu erledigen, und holen sich das Arbeitsmaterial aus dem Regal. Sie können zwischen drei Niveaustufen wählen, ebenso den Raum, in dem sie arbeiten wollen. In jedem gelten eigene Regeln: konzentrierte Stillarbeit im einen, lebhafter Austausch im anderen. Lehrerin Eva-Maria Kohrs ist als Krankheitsvertretung eingesprungen und kennt die Klasse erst seit einer Stunde. Alles klappt wie am Schnürchen. "Das System funktioniert."

"Es gab keine Vorgaben, wie man’s macht", rekapituliert der Schulleiter. Die Schule hat sich als komplexes lernendes System verstanden mit allem Aufwand, den das bedeutet. Jetzt sei die Schule "aus der Pubertät raus". Hier und da wurde nachjustiert. "Nach wie vor sind wir eine Stadtteilschule, in der die Kinder viel Ansprache und Ermutigung brauchen". Das selbstverantwortliche freie Lernen sei eingehegt worden, Lernfelder seien eingegrenzt, Niveaustufen abgebildet worden. Auch in der Gemeinschaftsschule hinterlässt das dreigliedrige Schulsystem offenbar seine Spuren.

"Das System funktioniert." Eva-Maria Kohrs, Lehrerin
Der Hauptschulabschluss kann in zwei Geschwindigkeiten – nach dem neunten oder zehnten Schuljahr – erworben werden. Wer einen Realschulabschluss anstrebt, wird von der achten Klasse an in einer Lerngruppe gezielt darauf vorbereitet. Ende letzten Schuljahres war es soweit: Von den 24 Absolventen des ersten Realschuljahrgangs bestanden 18 die Prüfung (vor externen Prüfern). "Keiner war nach der Grundschule für die Realschule empfohlen worden." Hartwich führt den Erfolg auch auf die kontinuierliche Beratung jedes Schülers, jeder Schülerin zurück. Und auf die Erfolgserlebnisse.

Ein Handicap der Schulform ist, wie Konrektorin Christine Wallner weiß, dass sie keine Oberstufe und damit keinen direkten Weg zum Abitur anbieten kann. Das würde erst ab 60 Schüler genehmigt, was die wenigsten Gemeinschaftsschulen schaffen. "Viele Eltern scheuen deshalb davor zurück." Und schicken ihr Kind mit Gymnasialempfehlung gleich aufs Gymnasium. Hartwich ist sich der Gefahr bewusst, dass aus der angestrebten Schule für Kinder aller Begabungen und Herkünfte (einschließlich Kinder mit Behinderungen) am Ende doch eine "Reparatureinrichtung" wird. Unter den zuletzt 40 Anmeldungen seien nur wenige mit Gymnasial-, die meisten mit Hauptschulempfehlung gewesen. Die Schule musste gar wegen sinkender Anmeldezahlen um ihre Zweizügigkeit bangen.

Wunsch nach mehr Rückenwind

Ihre Lehrerstellen schreibt die Vigeliusschule selbst aus und kann sich über einen Mangel an Bewerbungen nicht beklagen. Gymnasiallehrerin Eva-Maria Kohrs hat sich bewusst für diese Schule entschieden. "Wir sind absolute Teamplayer und lernen viel voneinander."

"Politischen Rückenwind für die Gemeinschaftsschulen" verspricht die Grünen-Landesvorsitzende Sandra Detzer bei Kaffee und Häppchen, die die Vigelius-Schülerfirma von einem Catering fürs Regierungspräsidium abgezweigt hat. Mehr Rückenwind wünscht sich das Vigelius-Team auch aus dem Kultusministerium. Für Thomas Hartwich bleibt unverständlich, warum die Grünen die schulische Bildung dem CDU-Koalitionspartner überlassen haben.
Gemeinschaftsschule

In Baden-Württemberg gibt es 321 Gemeinschaftsschulen mit 75.000 Schülerinnen und Schülern. In der Vigelius-Gemeinschaftsschule unterrichten 30 Lehrerinnen und Lehrer – darunter fünf Gymnasiallehrer – 270 Kinder aus 18 Nationen in zwölf Klassen (einschließlich einer Vorbereitungsklasse). Es gibt 1,5 Sozialarbeiterstellen. Ein Drittel aller Absolventen wählt eine duale Ausbildung, die übrigen eine weiterführende Schule.

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