Wanderung auf dem Kepler Treck

Vogelwilde Natur in Neuseeland

Florian Sanktjohanser

Von Florian Sanktjohanser (dpa)

Fr, 30. Oktober 2020 um 22:50 Uhr

Reise

Freche Keas, scheue Kiwis und andere seltene Vögel: Auf dem Kepler Track entdecken Wanderer die wilde Seite von Neuseelands Süden.

Nein, es ist im Moment nicht der Zeitpunkt, um auf Reisen zu gehen. Doch irgendwann wird er wiederkommen. Bis dahin überbrücken wir die Zeit mit Reisegeschichten aus nah und fern, um Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine kleine Auszeit zu ermöglichen.

Neuseeland ganz wild

Beim ersten Kea ist man noch hingerissen. Der Bergpapagei hüpft auf einen Baumstamm, blickt aus Knopfaugen herüber. Sein Gefieder schillert olivgrün. Ungestört vom Klicken der Kameras dreht er den Kopf, macht ein paar Hopser nach links. Die Wanderer sind entzückt. Noch wissen sie nichts über die Keas – und was sie auf dieser Tour erwartet.

Es ist der erste Tag auf dem Kepler Track, einem 60 Kilometer langen Rundweg durch den Fiordland-Nationalpark. Das gigantische Schutzgebiet umfasst den gesamten Südwesten der Südinsel Neuseelands. Es ist weltberühmt für seine schroffe Schönheit – und berüchtigt für Sturm und Regen.

Viele Reisende machen eine Tageskreuzfahrt durch den Milford Sound, ein perfekt vermarktetes "Achtes Weltwunder". Oder sie wandern auf dem Milford Track oder dem Routeburn Track, sofern sie eine Genehmigung für die Hütten ergattern konnten. Verglichen damit ist der Kepler Track ein Außenseiter. Der dritte der sogenannten Great Walks wurde 1987 angelegt, um seine beiden schon damals überlaufenen Pendants zu entlasten. Was nur bedingt funktionierte: Heute ist der Kepler Track in der Hochsaison fast genauso ausgebucht, vor allem, wenn der Milford Sound wegen zu viel Niederschlägen gesperrt ist.

Im Regenschatten der Küstenberge

In Te Anau, im Regenschatten der Küstenberge, schüttet und schneit es deutlich weniger. Doch die Rangerin im Besucherzentrum macht wenig Hoffnung: Auch der Kammweg des Kepler Tracks, die Königsetappe, sei gesperrt. "Zu viel Schnee. Aber vielleicht ist er morgen offen." Das genügt als Aussicht.

Schon der Aufstieg zur Luxmore Hut ist eine herrliche Tagestour. Zuerst spaziert man am Ufer des Lake Te Anau entlang, dann steigt der breite Pfad über Serpentinen zwischen den verschiedenen Steineiben des Regenwalds empor. Mit zunehmender Höhe spinnen bleiche Bartflechten die Äste der Rimus, Miros, Matais und Totaras ein, wie behaarte Spinnenbeine leuchten die Zweige in der Sonne. Moosteppiche polstern den Waldboden, die Felsen, die Stämme.

Der Märchenwald endet wie abgeschnitten, wir treten auf einen gewellten Bergrücken. Gelbliche Grasbüschel zittern im Wind, Hebebüsche tupfen Grün in die Hochheide, Terpentinbüsche Rotbraun. Über einen Bohlenweg, der den weichen Boden vor Erosion bewahrt, spazieren wir dahin, blicken rechts hinab auf den fjordhaften See und links auf die mit Schnee bepuderten Gipfel. Wäre da nur nicht der Hagel, der plötzlich ins Gesicht prasselt und uns zackig vorwärts treibt.

Noch bevor die rettende Hütte erreicht ist, hört man die lang gezogenen Schreie der Keas, sieht sie mit ihren auf der Unterseite roten Flügeln über die Heide flattern. Eigentlich sind die Bergpapageien vom Aussterben bedroht. Auf der Luxmore Hut aber sind sie Dauergäste. Und alles andere als scheu.

Keas sind ganz schön vorwitzig

Keas sitzen auf den Picknicktischen, auf der Terrasse, auf dem Geländer des Balkons. Die aufdringlichen Touristen mit ihren Kameras stören sie nicht. Im Gegenteil. "Klar, kannst du deine Schuhe raus stellen", sagt ein Neuseeländer. "Sie werden halt morgen ein bisschen anders aussehen." Mit ihren scharfen Schnäbeln rupfen die Keas Sohlen heraus, zerbeißen das Leder. Verschwitzte Wäsche? Lecker.

Die Luxmore Hut sitzt auf einem Logenplatz, in 1085 Metern Höhe über dem Fjordsee. Ein Blick durch die Panoramafenster offenbart die Pracht der rauen Wildnis: Dunkelgrüner Urwald überzieht die gefalteten Steilhänge bis hinauf zu einem ockerfarbenen Grasgürtel, darüber sind die Kämme und Gipfel weiß.

Auf Europäer wirkt Fiordland wild und urwüchsig, doch längst hat der Mensch auch hier das Ökosystem verändert. Mit Ratten, Katzen und Wieseln, die er eingeschleppt hat. Sogar Wintersport habe es einst gegeben, erzählt Rangerin Alison Richards. Von einer Après-Ski-Hütte ist die Luxmore Hut aber weit entfernt. Statt Käsespätzle und Weißbier gibt es Tütennudeln und Quellwasser. Auf dünnen Matratzen rollt man nebeneinander seinen Schlafsack aus, heizen lässt sich nur der Speisesaal. WLAN? Fehlanzeige. Das Gute daran: Wanderer aus aller Welt unterhalten sich, spielen Karten, lachen.

Launen der Natur

Am Morgen trübt sich die Laune. Alison Richards hat schlechte Nachrichten: Die Traverse sei weiter gesperrt – offiziell. "Aber ich kann euch nicht aufhalten, wenn ihr losgeht", fügt sie mit Verschwörerlächeln hinzu. Die Wanderer debattieren das Für und Wider. Viele sind unerfahren, mäßig ausgerüstet und steigen schließlich ab. Nur ein Amerikaner, der regelmäßig Skitouren geht, will weiter. Und zwei Studenten, die gerade den Berg herauf kommen. Sie erzählen, dass sie den Kammweg einen Monat zuvor überschritten hätten, bei deutlich mehr Schnee. Die Entscheidung ist gefallen.

Zwischen gelben Hahnenfüßen und Berg-Gänsefüßchen steigt die Gruppe auf. Bald stapfen wir durch knöcheltiefen Schnee, der Wind bläst uns Schneeregen ins Gesicht. Manchmal dünnt der Nebel kurz aus und lässt ahnen, durch was für eine gewaltige Bergkulisse man läuft.

Stunde um Stunde trottet unsere Gruppe über verschneite Kämme, bis sich plötzlich die erhabene Schönheit Fiordlands auftut: Täler unter steilen Urwaldflanken, gekrönt von Schneegipfeln, ein Wasserfall wird mitten in der Luft vom Wind zerblasen. Und auf dem Abstieg erwartet uns der nächste Zauberwald.

Kein Blick für die Schönheit

"Viele sehen die Schönheit nicht mehr", sagt Robbie Reid, als wir endlich an der Iris Burn Hut ankommen. "Ihre Beine schmerzen beim Abstieg zu sehr." Reid, 59, ist seit zwölf Jahren Hüttenwirt. Manche Wanderer kämen völlig durchnässt an, schimpften über das Wetter und die Sandfliegen. Aber sobald sie trockene Sachen angezogen, eine Tasse Tee getrunken haben, seien sie wieder glücklich.

So ist es auch an diesem Tag. Tee und Nudeln dampfen, vor der Veranda spannt sich ein Regenbogen über die Urwaldberge, die rings um die Lichtung steil aufragen. "Wir haben ein paar Kiwis um die Hütte", sagt Reid. "Sie kommen nachts raus, schreien sich an. Einer hat mal die Gäste trotz Ohrenstöpseln aufgeweckt." Die Chancen, den Nationalvogel Neuseelands aufzuspüren, seien aber gering. "Ich habe hier in all den Jahren sieben Kiwis gesehen."

Für eine Nachttour sind die meisten ohnehin zu müde. Früh strecken sich die Wanderer in ihren Schlafsäcken aus, schließlich wartet am nächsten Morgen ein weiterer Sechs-Stunden-Marsch. Vorher, sagt Reis, sollte man unbedingt einen Abstecher zum Wasserfall machen.

Recht hat er. Der Iris Burn Fall glitzert am nächsten Morgen in der Sonne, die Steineiben neigen sich über das klare Wasser. Reid führt durchs Unterholz zum Bach, er will uns seltene Saumschnabelenten zeigen. "Sie haben ihr Revier und schwimmen immer 500 Meter auf und ab", erklärt er. "Aber heute sind sie offenbar nicht da."

Bezaubernder Wald

Immerhin trällern Maori-Fruchttauben in den Ästen, winzige Grünschlüpfer und Gelbköpfchen schwirren umher. Auch ohne sie wäre der Wald bezaubernd. Stunde um Stunde wandern wir das Tal hinab, eingehüllt von üppigem Grün – bis der Wald plötzlich aufreißt, wir auf eine riesige Lichtung treten: The Big Slip.

1984 sprengte der Starkregen hier einen ganzen Berghang ab, die Felsen flogen 500 Meter weit. Der Erdrutsch riss 30 Hektar Wald davon, der geflutete Iris Burn nochmal die gleiche Fläche.

Viele Jahre gingen Wanderer durch eine Mondödnis. Aber mittlerweile wächst auf der Lichtung wieder eine Savanne aus brusthohen Riedgräsern, durchzogen von Bächen und Tümpeln. Junge Bäume sind empor geschossen, die Felsbrocken von Flechten eingesponnen. Hinter dem Big Slip wird der Wald lichter, zwischen den Stämmen bedeckt nun ein Dickicht aus Farnen den Boden. Endor, denkt der Star-Wars-Fan und erwartet jeden Moment, dass fellige Ewoks aus dem Unterholz springen.

So hübsch das alles anzusehen ist, irgendwann zieht sich der Weg. Und man ist erleichtert, endlich an der Moturau Hut anzukommen, den Rucksack auf den Kiesstrand zu legen, die Füße ins kalte Wasser zu strecken und über den Lake Manapouri mit seinen Inseln zu blicken. Fehlt nur noch ein lustiger Vogel wie der Kea – am besten einer, der die nervigen Sandfliegen frisst.
Anreise: Mehrere Airlines bieten normalerweise von Deutschland aus Flüge mit einem Zwischenstopp nach Christchurch an. Von dort fahren mehrmals täglich Intercity-Busse nach Te Anau. Aus der Stadt wandert man entlang des Sees in einer knappen Stunde zum Startpunkt des Kepler Tracks. Alternativ nimmt man einen Tracknet-Bus, der einen auch am Ende der Wanderung an der Hängebrücke abholt (http://www.tracknet.net Oder man setzt mit dem Wassertaxi nach Brod Bay über.
Kepler Track: http://mehr.bz/keplt
Hüttenübernachtung: Luxmore Hut http://mehr.bz/huxl ; Iris Burn Hut: http://mehr.bz/iribh Moturau Hut: http://mehr.bz/mtt
Kontakt: Tourismuswebseite von Neuseeland http://www.newzealand.com/de
Wichtig: Reise- & Sicherheitshinweise für Neuseeland: http://mehr.bz/til