Vom Nazi zum Widerstandskämpfer

André Anwar

Von André Anwar

Do, 27. Februar 2020

Panorama

Der Vater der schwedischen Königin Silvia soll doch kein Nationalsozialist gewesen sein / Rettungsaktion mit seiner Hilfe 1944.

STOCKHOLM. Hat Schwedens Königin Silvia doch die Wahrheit gesagt? 1976 hatte die gebürtige Deutsche im royalen Hochzeitsfieber öffentlich beteuert, dass ihr Vater Walther Sommerlath kein Nationalsozialist war. Auch er selbst behauptete, nie Mitglied gewesen zu sein, was 2002 widerlegt wurde: Sommerlath soll 1934 der NSDAP beigetreten sein. Nach neuesten Informationen wollte er Hitler aber stürzen und war im Widerstand aktiv.

Lange Zeit schwieg der schwedische Königshof. Niemand wollte Silvia für ihren Vater verantwortlich machen. Die Schweden nahmen ihr die Unwahrheit trotzdem krumm. Erst 2010 äußerste sich die Königin dazu. "Es war eine Maschinerie, nicht wahr? Er hatte Verantwortung für die Angestellten der Fabrik, aber er war nie politisch aktiv", sagte sie dem Sender TV4. Der suchte weiter. "Wir können enthüllen, dass Walther Sommerlath an der Judenverfolgung teilgenommen hat", so der Fernsehsender. In Archiven in Berlin und Brasilien habe man Dokumente gefunden, die aufzeigen, dass Königin Silvia falsch liege. Walther Sommerlath habe demnach die Zwangsenteignung von Juden in Berlin unterstützt.

Ein paar Monate vor Kriegsausbruch, im April 1939, übernahm der deutsche Geschäftsmann für einen niedrigen Preis die jüdische Metallwarenfabrik Wechsler & Hennig in Berlin-Kreuzberg. Darin produzierte er Kriegsausrüstungsteile für die deutsche Luftabwehr und unterstützte so die Nationalsozialisten.

Inzwischen hat Königin Silvia selbst nachgeforscht. Wie die Zeitung Expressen berichtet, wurden entlastende Dokumente vom deutschen Widerstandskämpfer Otto Wegner gefunden, die ein anderes Bild von ihrem Vater zeichnen. Die Dokumente wurden von Wissenschaftlern untersucht und als echt bewertetet.

Wegner, der als Chauffeur für einen SS-Mann arbeitete, besaß eine Liste über NSDAP-Mitglieder, die Hitler stürzen wollten. Auf der Liste steht auch Walther Sommerlath. "Wir fanden zudem Informationen im Tagebuch von Wegners Ehefrau Emma", so Tomas Sielski, der die Dokumente im Dachboden seines polnischen Heimathauses fand. Laut dieses Tagebuchs hat Sommerlath nach dem missglückten Stauffenberg-Attentat 1944 dabei geholfen, rund 50 verfolgte Widerstandskämpfer zu retten. Die Flucht war laut Tagebuch genaustens geplant. Zugwagons wurden rund 100 Kilometer südöstlich von Berlin mit Möbeln beladen und versiegelt. "In Köpenick wurden die Möbel wieder ausgeladen und Widerständler, darunter Männer, Frauen und deren Kinder stiegen ein", erzählt Sielski aus dem Tagebuch. Damit das Wagongewicht das gleiche blieb wie mit Möbeln, wurden Betonpfeiler in die Wagons gelegt. Dann fuhr der Zug in Richtung Trelleborg in Schweden.

"Sowohl die Betonpfeiler als auch das benötigte Werkzeug war aus Walther Sommerlaths Fabrik. Und Sommerlath war selbst in aller höchstem Grad in die Arbeit verwickelt", so Sielski.

Neben Widerstandsleuten sollten auch Juden mit dem Zug nach Schweden in Sicherheit gebracht werden, laut Tagebuch. Leider verlor sich dann jegliche Spur.

Auch in schwedischen Archiven wurden bislang keine Belege für die Aktion gefunden. Der schwedische Archäologe und Historiker Sven Rosborn meint Walther Sommerlath sei sehr stark in der Widerstandsbewegung engagiert gewesen. "Es ist sehr schwer, das umfangreiche Material auf eine andere Weise zu deuten."

Laut des Tagebuchs soll Walther Sommerlath oft seinen Hass gegen die Nazis ausgedrückt haben. Seine brasilianische Frau, die Mutter von Königin Silvia, habe wegen ihres südländischen Aussehens und ihrer schlechten deutschen Sprache sehr gelitten. "Am Ende mussten sie Berlin verlassen, um sich in Heidelberg zu verstecken", so Tomas Sielski über den Inhalt der Dokumente.