Berühmter Schwarzangler

Vor 100 Jahren war Ernest Hemingway im Schwarzwald – und mochte die Leute nicht

dpa

Von dpa

Sa, 13. August 2022 um 18:52 Uhr

Südwest

Im August 1922 entflieht Ernest Hemingway der stickigen Pariser Sommerhitze nach Triberg. Mit den Menschen des Kinzig- und Elztals wird er nicht richtig warm – auch weil er keinen Angelschein hat.

Auf der Felsentour rund um Oberprechtal präsentiert der Schwarzwald viel heile Welt. Kühe grasen auf Wiesen voller Wildblumen. Ziegen turnen über höllisch steile Hänge. Mannshohe Ginsterbüsche säumen den Weg, Bäche glucksen. Oben beim Huberfelsen – ein stattlicher Granitfelsen – schweift der Blick über das Meer aus Hügeln und Bergen, bleibt an einsamen Gehöften und malerischen Dörfern hängen, trifft auf dunkle Tannen und üppig grüne Wiesen.

Womöglich hat auch Ernest Hemingway diesen Anblick genossen, damals im Jahr 1922, als der Amerikaner zum Forellenfischen in den "Black Forest" kam. Mit seiner Ehefrau Hadley und Freunden flüchtet der damals 23-Jährige im August aus der stickigen Sommerhitze in Paris nach Triberg, das im Baedeker-Reiseführer als "weltbekannter Höhenluftkurort" beworben wird. Mit den Menschen in Kinzig- und Elztal wird der Geschichtenerzähler aus Illinois nicht richtig warm, wohl aber mit der lieblichen Natur, der frischen Landluft und den kristallklaren Gebirgsbächen voll fetter Forellen.

Welten treffen aufeinander

Einen Angelschein hat der Jungspund zwar nicht, doch er umgeht die bürokratischen Vorschriften auf seine Weise. Mal besänftigt er die aufgebrachten, mit Mistgabeln bewaffneten Bauern mit einigen Dollarscheinen, mal steht die Ehefrau Schmiere, wenn er seine Angel auswirft und vier prächtige Forellen aus der Elz herausholt, jede ein dreiviertel Pfund schwer.

Man kann sich das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten lebhaft vorstellen: Hier die urlaubsselige, oft auch weintrunkene Gesellschaft aus Paris, die Geld wie Heu hat, weil man im August des Jahres 1922 für einen einzigen Dollar 850 Mark bekommt; dort die recht einsilbigen, gelegentlich auch ruppigen Schwarzwälder, die mit dem Ausgang des Krieges hadern und den großspurigen Fremden mit Ressentiments begegnen.

Hemingway, der Gastro-Kritiker

An den Gasthöfen, die vornehmlich "Rössle", "Adler" und "Sonne" heißen, arbeitet sich der gutsituierte Amerikaner besonders wortreich ab. Von außen sähen sie ordentlich und sauber aus, aber "innen sind sie schmutzig und heruntergekommen, eins wie das andere", fasst der Schriftsteller seine Schwarzwaldimpressionen zusammen, die Jahre später im Buch "49 Depeschen" Eingang finden.

In Triberg erinnert eine Plakette nahe des Wasserfalls an den Besuch des Literaten, an seinen Weg hinunter nach Oberprechtal, vorbei an großen Schwarzwaldhäusern und an seinem Fischwasser. Den Besuch des höchsten Wasserfalls Deutschlands, wo die wild-schäumende Gutach 160 Meter tief ins Tal stürzt, hat Hemingway nicht erwähnt, wohl aber das noble Parkhotel Wehrle, wo er sich seine Forellen zubereiten ließ.

In Oberprechtal, wo Hemingway seine Angel auswarf, sieht es fast noch so aus wie damals im August des Jahres 1922. Hühner stolzieren umher, Ziegen machen sich über das Grün her. Die Elz plätschert wie seit Urzeiten dem Rhein entgegen, die Ufer von überhängenden Bäumen bewacht, die Flusskiesel glatt geschliffen von der Strömung.

Alles ist verziehen

Die "Sonne", wo sich Hemingway um einen Angelschein bemühte, hat zwar geschlossen, doch der Landgasthof "Rössle" existiert noch. Als Trampeltier und Kamelgesicht hatte er einst die Wirtsleute verunglimpft, die Zimmer als verdreckt beschrieben. Nur das gute Essen fand Gnade in den Augen des jungen Schriftstellers. Die heutigen Besitzer haben dem nassforschen Reporter seine Schimpfkanonade offenbar verziehen. Man ist sogar ein wenig stolz auf den Umstand, dass Hemingway im "Rössle" abgestiegen ist. Eine kleine Ecke im Speisesaal, wo sich Wanderer, Radfahrer und Biker für ihre Touren stärken, ist dem leidenschaftlichen Fliegenfischer gewidmet.

Hemingway kehrte nie wieder in den Schwarzwald zurück, weder mit Hadley, noch mit einer seiner drei späteren Ehefrauen. Stattdessen verarbeitete er seine Erinnerungen an Triberg, an den Black Forest und dessen Menschen im Buch "Schnee auf dem Kilimandscharo". Vielleicht wäre er mal besser wiedergekommen und hätte sich bei einem guten Glas Wein und alkoholgeschwängerter Kirschtorte mit den Wirtsleuten des "Rössle" ausgesöhnt. Er hätte womöglich erkannt, dass die Schwarzwälder auch anders können.
Triberg

  • Anreise: Triberg ist Haltepunkt der Schwarzwaldbahn, die von Karlsruhe an den Bodensee führt. Vom Bahnhof sind es rund 15 Minuten Fußmarsch in die Innenstadt. Samstags, sonntags und an Feiertagen verkehren Busse zwischen Triberg und dem Elzacher Stadtteil Oberprechtal. Die Fahrt dauert knapp 30 Minuten.
  • Übernachten: In Triberg gibt es Unterkünfte von der Pension bis zum Vier-Sterne-Hotel. Zimmer in Gästehäusern kosten ab 70 Euro pro Nacht, im Vier-Sterne-Hotel ab 130 Euro.
  • Informationen: Schwarzwald Tourismus, Wiesentalstraße 5, 79115 Freiburg, 0761/896460, schwarzwald-tourismus.de

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