Krimi-Rezension

Vorbei mit der Ruhe

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Di, 02. November 2021 um 14:18 Uhr

Literatur & Vorträge

Isabel Keppler ist am liebsten mit sich alleine. Menschen – braucht sie nicht. Und ihren Goldhamster Godzilla hat sie nur, weil man ihn ihr beim Einzug aufgedrängt hat, samt Käfig, Laufrad und Streu.

Zusammen mit ihm wohnt sie in einer sieben Stufen unter Gehwegniveau gelegenen Wohnung in der dauerbefahrenen Katzbachstraße in Berlin-Kreuzberg. Drei Tage vor Heiligabend dann auch noch das: Auf dem Boden ihrer Wohnung liegen achtzig Kilo Lebendgewicht. Tot. Hätte er zu Lebzeiten nicht weniger fressen können, fragt sich Keppler. Wie soll sie diesen Brocken nur aus ihrer Wohnung schaffen? Um das Messer freilich tut es ihr leid. Es war ganz neu und von wirklich guter Qualität. Ein Mord, soviel steht fest. Das, was davor war, kommt auf den folgenden 350 Seiten. Ein starker Krimi, der ohne aufgepumpten Plot auskommt, denn die von Autorin Regina Nössler geschaffene Protagonistin Kepler ist so einzigartig schroff, dass man sich gerne ihre Geschichte erzählen lässt. Und da ist nicht nur der Mord, sondern da sind auch die nervigen Arbeitskollegen und Elfriede Baumann, eine alte Schachtel, die Kepler ein- oder zweimal die Woche besucht – natürlich gegen Geld – und deren wirres Geschwätz sie über Stunden ertragen muss. Und dann steht plötzlich Ferdi vor ihrer Wohnungstür, ihr Vermieter, der sie darum bittet, den Kursleiter eines Schreib-Workshops auszuspionieren. Schreiben – ausgerechnet Kepler. Aber sie übernimmt – und das ist das Ende ihres ruhigen Daseins in der Katzbachstraße.
Regina Nössler: Katzbach. Roman.
Konkursbuch Verlag, Tübingen 2021. 352 Seiten, 12,90 Euro.