Wässrige Weltläufigkeit

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Mo, 29. Juni 2020

Rock & Pop

"Upside Down" :Das nach zehn Jahren erschienene Album des Reggae-Sängers Buju Banton will es allen und jedem recht machen.

Rückkehr nach zehn Jahren "Urlaub": Fast so lange hat der Reggae-Sänger und Grammy-Gewinner Buju Banton weder neue Musik veröffentlicht, noch Konzerte gegeben. Deshalb a stieg die Spannung bei seinen vielen Fans. Bujus Rückkehr auf die Bühne im vergangenen Jahr war triumphal: 30 000 Fans drängten ins Kingston National Stadium. Derart voll war die Arena in der jamaikanischen Hauptstadt seit den Tagen Bob Marleys nicht mehr. Parallel haben 2,5 Millionen Menschen Internetvideos des Konzerts gestreamt. Die Erwartungen auf Kommendes schossen in die Höhe. Obendrein hat Jay-Z, einer der erfolgreichsten US-Rapper und Musikproduzenten, Buju Banton für sein erstes Nach-"Urlaubs"-Album unter Vertrag genommen. "Upside Down", das jetzt erschienen ist, galt schon vorab weit über die Szene hinaus als ein Musikhöhepunkt des Jahres 2020.

Die Zusammenarbeit mit Jay-Zs Musiklabel Roc Nation soll "Upside Down" sicher neue Hörerschaften erschließen. Zumindest klingt das Album danach: Es hat, neben einer beachtlichen Länge von 20 Tracks, Glamour durch Gäste wie John Legend und Pharrell Willliams und eine enorme stilistische Breite: "Good Time Girl" swingt fröhlich, "Memories" –die Kooperation mit John Legend – mischt Pop mit Reggae, bei "Unity" stechen jazzige Bläser heraus, "Buried Alvie" bewegt sich zwischen Country, Gospel und Rock, im milden Dancehall-Rhythmus von "Call Me", bei dem Rapperin Stefflon Don mitmacht, blitzt Reggaeton durch. Nicht genug? In dem großen Kessel Buntes ist für alle was dabei!

Inhaltlich läuft "Upside Down" mit ernsten Songs aus, im Mittelfeld geht es um die Liebe, anfangs gibt Buju Persönliches preis. "Dem set me free again", heißt es im schönen "Yes Mi Friend" mit Stephen Marley, einem Update des Bob-Marley Klassikers "Duppy Conqueror". Seinen "Urlaub", wie Buju die Zeit beschönigend nennt, hat er weitgehend im US-Gefängnis verbracht: Der Reggae-Millionär und vierfach Grammy-Nominierte ließ sich in Florida auf einen Kokain-Deal mit einem Polizeispitzel ein. Doch nicht darum titelt die taz "Keine zweite Chance verdient". 1992 hat der Jamaikaner den berüchtigten Homophobie-Song "Boom Bye Bye" veröffentlicht – im Alter von 19 Jahren. Wäre vielleicht als späte Jugenddummheit durchgegangen? Doch Buhu wand und weigerte sich, vom Inhalt Abstand zu nehmen. Erst 2019 ließ sein Management den Song von Streamingplattformen wie Spotify und Apple Music entfernen.

In Genres wie Rap und Dancehall ist Buju nicht der einzige Künstler, der musikalisches Können und problematische Wesenszüge vereint. Fans schert das eher wenig. Ob sie sich massenweise "Upside Down" zulegen, ist dennoch fragwürdig: Wer kauft heute noch Alben, zumal eins, das trotz toller Momente in ausufernder Stilvielfalt versandet und sich der ganzen Welt anbiedert? Doch der Gesamteindruck zählt heute, in der Blütezeit der Musikstreamingdienste, kaum. Mit je ein paar Songs allen gerecht zu werden, erscheint erfolgsträchtig. Wässrige Weltläufigkeit qualifiziert zudem speziell Alben aus kleinen Genres wie Reggae oft für Grammy-Nominierungen. "Upside Down" wird für Buju Banton wohl ein neuer Erfolg.

Buju Banton: Upside Down. Island/
Universal.