Wenn der Wolf wieder kommt

Bernd Fackler

Von Bernd Fackler

Sa, 31. Januar 2015

Waldkirch

"Die Rückkehr der Wölfe. Baden-Württemberg – Wolfserwartungsland" hieß eine Veranstaltung des Naturschutzbundes / Landwirte äußern Besorgnis.

WALDKIRCH. "Und wenn der Wolf kommt?" Diese Frage stellen sich in Baden-Württemberg derzeit nicht nur Landespolitiker, sondern auch Landwirte, Schafzüchter und viele andere Tierfreunde. Während die Politiker oft den frischgebackenen CDU-Spitzenkandidaten für die nächste Landtagswahl, Guido Wolf, meinen, geht es für die anderen um den "richtigen" Wolf, das sagenumwobene Raubtier, das, hierzulande im 19. Jahrhundert ausgerottet, nun auf "dem Sprung" zurück ist – auch in den Schwarzwald.

"Die Rückkehr der Wölfe. Baden-Württemberg – Wolfserwartungsland" hieß eine sehr gut besuchte Veranstaltung des Naturschutzbundes (Nabu), Kreisgruppe Emmendingen, im Gasthaus "Bayersepple" in Waldkirch. "Wir sind heute Abend mehr als ein Wolfsrudel", freute sich Nabu-Kreisvorsitzender Martin Neub und sagte einleitend: "Seit 15 Jahren ist der Wolf wieder in Deutschland. In Baden-Württemberg bisher noch nicht, doch es ist Wolfserwartungsland – viele freuen sich, andere sind skeptisch."

Zwischen Vorfreude

und Skepsis

Wer weiß eigentlich , dass zwar (noch) nicht der Wolf, aber einer der großen Wolfsexperten in Waldkirch wohnt? Es ist Michael Glock, der zusammen mit seiner Kollegin Sarah Schulz, beide Wolfsbeauftragte des Nabu, mit Informationen in Wort und Bild (Filmaufnahmen von freilebenden Wölfen in Deutschland) durch den Abend führte. Glock: "Der Wolf war früher auf der ganzen Nordhalbkugel, aber beispielsweise auch – und heute noch – etwa in Äthiopien verbreitet.

Der Wolf polarisiert. In den 1970er Jahren schien sein Schicksal besiegelt, selbst in Norwegen oder Schweden gab es keine Wölfe mehr. Heute sieht die Situation ganz anders aus: Der Wolf erobert sich sein Terrain zurück. In Deutschland gibt es heute mindestens 26 Rudel, mit klarer Erweiterungstendenz nach Nordwesten, bis Dänemark. Sogar bei Cuxhaven gibt es ein paar Wölfe, obwohl dort nur wenig Wald ist."

In der näheren Umgebung gibt es derzeit je ein Rudel bei Chur (Schweiz) und in den Vogesen. Glock: "Deutschland hätte laut Berechnungen durchaus Platz für 440 Rudel."

Sarah Schulz: "Wölfe werden 70 bis 90 Zentimeter groß (hoch) und sind sehr sicher als solche zu identifizieren. Sie leben in der freien Natur als Familienverband, sehr friedvoll. Von sechs Welpen pro Wurf überlebt die Hälfte das erste Jahr. Wölfe können sehr weite Strecken zurücklegen, einer schaffte in 159 Tagen 1500 Kilometer. Auf 300 Quadratkilometern haben acht Wölfe Platz (zum Vergleich: München = 310 Quadratkilometer = 1,3 Millionen Menschen)." Und: "Die Reviere werden streng verteidigt, das heißt, es wird nicht in einem Gebiet immer mehr Wölfe geben."

Bleibt denn, wenn Wölfe da sind, noch genügend Beute für die Jäger übrig? "Die Wölfe machen bei weitem nicht so viel Beute wie die menschlichen Jäger. Aus den sächsischen Wolfsgebieten wissen wir, dass die Jagdstrecke nicht zurückgegangen ist im Vergleich zu Gebieten ohne Wölfe." Und: "Fairerweise muss man auch sagen, dass der Wolf von den meisten Jägern toleriert wird." Michael Glock: "Wölfe kommen in der Kulturlandschaft zurecht, teilen sich mit den Menschen den Lebensraum. In der Lausitz hat es in der ganzen Zeit keinerlei Zwischenfälle gegeben." Nikolaus von Gayling aus Ebnet ist Waldbesitzer in der Lausitz, dort, wo es seit einigen Jahren wieder Wölfe gibt und erinnert sich: "Die Jäger waren anfangs strikt dagegen. Das hat sich geändert" – und die Region vermarktet sich jetzt touristisch als "Wolfsland".

Mit seinem Programm "Willkommen Wolf" will der Nabu aufklären, Missverständnisse richtigstellen, Sympathie für den Wolf wecken: "Er ist ein interessantes Tier, eine Bereicherung des Ökosystems, er findet sich hier zurecht und Konflikte mit ihm sind lösbar". Sarah Schulz: "Archaische Angst vor Wölfen wird zum Teil geschürt von der Boulevardpresse."

Michael Glock: "Von 1950 bis 2000 gab es in ganz Europa 21 Übergriffe von gesunden Wölfen auf Menschen, davon fünf tödliche. In Deutschland gibt es genug Beutetiere. Und mögliche ’Problemwölfe’ werden mit Genehmigung geschossen."

Weniger von den Jägern als von Schafe züchtenden Bauern kommt Widerstand gegen den Wolf. Das zeigte sich in Waldkirch im Verlauf der Fragerunde, nachdem die beiden Wolfsexperten Wildschutzzäune und Herdenschutzhunde als beste "Versicherung" für Schafe dargestellt hatten. "Solche Zäune müssen aber das ganze Jahr kontrolliert werden – ich habe 2000 Meter Festzaun, es ist unmöglich für mich, das umzuwandeln in einen Schutzzaun", sagte ein Schafzüchter. Ein anderer: "Ich bin berufstätig, schaff’ de ganze Tag", die Schafzucht läuft nebenher: "Wie will ich des dann mache? Das heißt für mich, es wird zugepflanzt". Auch ein Dritter sah es so: "Ich pflege zehn Hektar in steilem Gelände. Die Schafe sind Tag und Nacht draußen. Da gibt’s nur eins: Aufforsten". Eine weitere Wortmeldung: "Lämmer werden jetzt schon immer wieder Opfer von Füchsen. Wenn dann der Wolf noch dazukommt, hör’ ich auf mit der Schafzucht."

"Wer ist für Wildschutzzäune zuständig?", hieß eine Frage. "In Sachsen zahlt das Land 100 Prozent Zuschuss", weiß Michael Glock, "in Baden-Württemberg bisher nichts. Das wollen wir ändern. Wobei es damit allein nicht getan ist. Wenn Politik und Gesellschaft den Wolf wollen, muss man sich was überlegen. Aber das Land sieht das Problem, ist handlungsbereit". Zumal – und damit schließt sich der Bogen – der Wolf, in diesem Fall der Guido Wolf, der Politiker, "für die ersten Wölfe in Baden-Württemberg die Schirmherrschaft übernehmen will", haben Michael Glock und Sarah Schulz aus Stuttgart erfahren.