Unbeliebte Tierchen

Warum es dieses Jahr weniger Stinkwanzen in Freiburg gibt

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 18. August 2019 um 09:52 Uhr

Freiburg

Der Sonntag Vor einem Jahr tauchten in Gärten und auf Balkonen und später im Inneren der Wohnungen neue Mitbürger auf: Die marmorierte Baumwanze, auch Stinkwanze genannt, bevölkerte massenhaft den städtischen Raum. Was erwartet uns dieses Jahr? Wir fragten Nicolas Schoof, Doktorand am Lehrstuhl für Standorts- und Vegetationskunde an der Universität Freiburg.

Der Sonntag: Herr Schoof, vergangenen Herbst haben die marmorierten Baumwanzen tausende Häuser in der Stadt bevölkert, auch in unseren Redaktionsräumen herrschte reger Betrieb. Derzeit dagegen findet man nur welche, wenn man genau hinschaut. Bleibt die Invasion dieses Jahr aus, wird sie so heftig wie 2018 oder schlimmer?
Nicolas Schoof: Nein, es deutet viel darauf hin, dass es dieses Jahr deutlich weniger Tiere gibt als im vergangenen Jahr.

Der Sonntag: Warum? Einen strengen Winter haben wir ja nicht hinter uns.
Schoof: Zum einen gab es im April einen Kälteeinbruch, zu einem Zeitpunkt also, als die ausgewachsenen Tiere schon aus ihren Überwinterungsquartieren wieder heraus waren. Das hat ihnen wohl eins auf den Deckel gegeben. Und dann ist mittlerweile auch ein natürlicher Feind der Tiere aufgetaucht - die Samurai-Wespe, die die Eier der Wanzen parasitiert.

Der Sonntag: Das Tier also, bei dem manche Länder gar darüber nachdachten, es gezielt anzusiedeln, um der Stinkwanzeninvasion Herr zu werden?
Schoof: Genau.

Der Sonntag: Und wie kam die Wespe dann tatsächlich hierher?
Schoof: Vermutlich wurde sie hier genauso eingeschleppt wie die Wanzen selbst, auf dem Frachtweg eben. Diese Schlupfwespenart parasitiert die Eier, die Eier gelangen mit Schiffen und Lastwagen hierher, und dann breitet sich die Schlupfwespe hier genauso aus wie die marmorierte Baumwanze. Möglicherweise ist sie auch in irgendeinem Land in Europa gezielt eingeführt worden und von dort hierher gekommen. Wie weit die Samurai-Wespe in Deutschland oder hier im Südwesten nun schon verbreitet ist, weiß man aber noch nicht.

Der Sonntag: Bestand ursprünglich nicht die Befürchtung, dass sich die Baumwanze mit jeder Generation vervielfacht und die Wanzen sogar mehrere Generationen pro "Saison" erzeugen?
Schoof: Das vergangene Jahr war günstig für die Wanzen und da haben die Tiere tatsächlich zwei Generationen produziert. So wie es sich momentan darstellt, wird es dieses Jahr aber nur bei einer bleiben. Doch so oder so: Die marmorierte Baumwanze bleibt ein ernstzunehmender landwirtschaftlicher Schädling.

Der Sonntag: Und diese erste Generation ist jetzt unterwegs?
Schoof: Normalerweise legen die Weibchen im Mai die ersten Eier, also sind die Tiere jetzt da, ja.

Der Sonntag:Wo finde ich die Wanzen dann derzeit?
Schoof: Auf ihren Wirtspflanzen. Beim Feldahorn, beim Efeu. Bei Hobbygärtnern und Landwirten auf Tomaten, Äpfeln, Birnen, Brombeeren. In Gewächshäusern beispielsweise auch auf Paprika. Sehr spannend wird, ob die Wanze jetzt auch auf den Wein geht.

Der Sonntag:Das kann passieren?
Schoof: Ja. Zuerst verbreiten die Wanzen sich ja in den Wärmegunstlagen der Städte, weil sie da durch den Transport auch zuerst hingelangen. Aber auf Dauer werden sie sich ausbreiten. Ein adultes Tier kann im Jahr bis zu 50 Kilometer aus eigener Kraft fliegen.

Der Sonntag: Für den Normalbürger werden die Viecher erst wirklich sichtbar, wenn sie nach innen drängen. Wann geht das los?
Schoof: Wenn es in Richtung Winter geht. Dann suchen sie ganz gezielt das Innere von Gebäuden auf. In Rollladenkästen etwa, solche Nischen besiedeln sie mit vielen Tieren, um dort zu überwintern. In Freiburg-Landwasser war es vergangenes Jahr richtig extrem, viele Bürger haben angerufen, um zu fragen, was sie machen sollen.

Der Sonntag:Welchen Rat haben Sie dann gegeben?
Schoof: Letztlich kann man nicht viel machen. Aber meistens ging es auch mehr darum, die Menschen zu beruhigen. Die marmorierte Baumwanze ist im Haushalt ein nerviges Tier, aber kein gefährliches.


Der Sonntag:Die Macht der Samurai-Wespe wird nicht ausreichen, um die Wanzen komplett zurückzudrängen?
Schoof: Nein. Ganz loswerden wird man die marmorierte Baumwanze nicht mehr.